KurzGeschichten | 23.08.2026

Echo aus dem Dunkel

Ein naturnaher Forschungsgarten mit futuristischen Pflanzbeeten am Rand eines dichten Waldes. Blau leuchtende Technik kontrastiert mit der üppigen Natur.
Ein Garten zur Forschung. (Bildquelle: KI - ChatGPT)

 

Der Generator summte leise und verbreitete dabei sein typisches bläuliches Schimmern, das den schmalen Raum spärlich beleuchtete. Bogu stand über den Tisch gebeugt da und betrachtete das vertrocknete Blatt einer Eiche. Auf der Arbeitsfläche lagen weitere Baumblätter sowie Eicheln und Kastanienkerne verstreut. Mit den drei kurzen Fingern untersuchte die Gestalt im orangefarbenen Overall die Pflanzenteile eingehend. Unschlüssig verzog sie den rüsselförmigen Mund und drehte sich klappernd um. Das Wesen schnappte sich von dem Haken vor ihm eine der abdunkelnden Schutzbrillen, dann machte es sich auf den Weg nach oben.

Die helle Sonne schien bereits den Gang hinunter, als Bogu die oberste Ebene erreichte, wo es sich das Kopfband mit den roten Gläsern über die kleinen Augen zog. Nahe der Außenanlagen erstreckte sich ein weitläufiger Mischwald, zu dem sich das Mitglied der botanischen Abteilung begeben wollte. Beim Durchschreiten der Gärten grüßten ihn seine Kollegen, indem sie doppelt den Mittelhuf des linken Fußes auf das Steinpflaster klacken ließen. Behände folgte es den Laufwegen und betrat bald den Waldboden. Ein kurzes Zucken durchfuhr das Wesen, als es in der ihm fremden Natur einen tiefen Atemzug nahm. Der erdige Duft, den seine Rezeptoren aufnahmen, faszinierte Bogu, wie alles an dieser Welt.

Ein Griff in die Bauchtasche des Overalls beförderte einen Behälter zutage, den die Gestalt langsam auseinanderfaltete und sich dann an einem langen Riemen über die Schulter hing. Dann schritt Bogu weiter und sammelte bei seiner Exkursion die unterschiedlichsten Dinge ein, bis der Beutel prall gefüllt und nur noch schwer zu tragen war.

Mit seinem reichhaltigen Fundus begab sich Bogu zurück zu seinem Labor, wo es die Tasche auf der Arbeitsfläche ausleerte. Der Duft des Waldes flutete den kleinen unterirdischen Raum, während es die Proben katalogisierte. Mit den sensiblen Fingerspitzen und dem Sinnesorgan seines rüsselhaften Mundes untersuchte Bogu Stücke von Baumrinde, Pilze und Moosfetzen. Seine Beobachtungen übertrug es in das zentrale Datensystem, zu dem jedes Mitglied der Forschungsgruppe uneingeschränkten Zugriff hatte. Die Projektion der visuellen Ausgabe schimmerte hellblau, worin man sehen konnte, wie Bogu mit einem Stift seine Erkenntnisse in ein Datenblatt eintrug.

Eine Ameise hatte sich aus dem Sammelsurium gegraben, fraß noch an einem Stück Pilz, dann kletterte sie auf den Steinboden hinab und verschwand auf den Korridor. Vertieft in die Arbeit hatte Bogu davon nichts bemerkt. Pflanzen gehörte sein größtes Interesse, weshalb es sich der Forschungsreise angeschlossen hatte. Die Rinde einer Birke, die es mit feinem Werkzeug sezierte, nahm seine Konzentration voll in Anspruch. Mit einem zufriedenen Gurren aus seiner Kehle legte Bogu die Borke beiseite, blickte auf die Projektion und straffte sich. Das hohle Klappern seiner Mittelhufe begleitete seine Schritte, als das Mitglied der botanischen Abteilung durch die Korridore ging, die in regelmäßigen Abständen von bläulich glimmenden Laternen erhellt wurden. An einer Abzweigung hielt es sich rechts, um die Gemeinschaftsräume zu erreichen.

Der Duft einer gekochten Mahlzeit wogte Bogu beim Betreten des Speiseraumes entgegen. Einige seiner Artgenossen saßen bereits an den Tischen, unterhielten sich und nahmen ihre Mahlzeit zu sich. An der Ausgabe nahm es ein rundes Tablett entgegen, schnüffelte kurz tastend in den Raum hinein, um Freunde auszumachen. Luti und Ogt hielten sich in der Nähe auf, deren Spur es folgte. Mit einem Hufklack begrüßten sie sich und kurz darauf nahm Bogu bei ihnen Platz. Leise schlürfend sogen sie den proteinreichen Brei mit gesenktem Rüssel auf.

Nach dem Essen unterhielten sie sich mit gurrenden und klappernden Geräuschen noch ein wenig über ihre Arbeit, bis sie gemeinsam ihr Geschirr zur Sammelstelle brachten, wo sich ihre Wege wieder trennten.
Luti rieb sich genüsslich den Bauch und verließ nach Ogt und Bogu die Mensa. Sein Weg führte das Wesen in der mintgrünen Kleidung zur medizinischen Sektion der Forschungsbasis.

Die versenkbaren Liegen bildeten ein gleichmäßiges Raster zu je drei Plätzen in drei Reihen. An der Wand befand sich eine umlaufende Arbeitsfläche, auf der Medikamente, Verbandsmaterial und medizinisches Gerät in dreifacher Ausführung für die diensthabende Schicht bereit standen. Luti grüßte die anderen beiden Mitarbeiter mit einem doppelten Klacken, dann wandte es sich seinem Arbeitsplatz zu und rief die Berichte über die vier anwesenden Patienten auf. Ein Mitglied der Zoologie war beim Versuch der Dokumentation von einem der einheimischen Tiere gebissen worden. Die Wunde hatte sich entzündet und sollte weiterhin beobachtet werden.

Diesem Patienten nahm sich Luti an, reinigte die Bissstelle, wobei die Person zusammenzuckte und einen seufzenden Laut von sich gab. Die Behandlung der verletzten Hand wurde mit dem Auftragen eines desinfizierenden Mittels abgeschlossen. Um die Wunde weiterhin zu schützen, bedeckte Luti sie mit einem selbsthaftenden Wundverband. Der Patient schnaufte erleichtert und entspannte sich.
Luti blähte den Rüssel leicht auf, als es sich den Aufzeichnungen des Datensystems widmete. Verletzungen heilten schlechter und Infektionen verliefen öfter schwierig, wenn die Forschenden draußen ihrer Arbeit nachgingen, den Planeten zu dokumentieren. Darüber machten sich die Angehörigen der medizinischen Abteilung zunehmend Sorgen. Einige Todesfälle hatten sie bereits beklagen müssen, seitdem sie angekommen waren. Nun durften Exkursionen nur noch von autorisierten wissenschaftlichen Mitarbeitern durchgeführt werden, zu denen auch Bogu zählte.

Ogt hielt sich als Teil der geologischen Sektion am liebsten unter der Erde auf, daher betraf ihn diese Regelung nicht. Der Ausbau des Tunnelsystems, welches nun als Forschungsstützpunkt diente, hatte den Hauptteil seiner Arbeit nach der Ankunft ausgemacht. Während die Erkundungen liefen, hatten die Geologen freie Auswahl bei ihren Aktivitäten. Ogt grub daher im Alleingang an einem Stollen, um die Mineralien dieser Welt näher zu studieren. Die Anzeige des tragbaren Datenterminals flackerte, als sich das Wesen den Aufzeichnungen über die bisherigen Grabungen widmete. Ein enttäuschtes Zischen entwich dem Rüssel des Geologen, dann schaltete es das Terminal ab. Aus der Bauchtasche zog Ogt einen flachen, rund geschliffenen Kiesel, den ihm Bogu von oben mitgebracht hatte. Es ließ den kleinen Stein durch die dicken Finger gleiten, als es nachdachte.

Die Entstehungsgeschichte dieses Planeten unterschied sich kaum von der anderer Welten, die von den Wagit bisher besucht worden waren. Doch einige Ereignisse hatten die Entwicklung dieses Steinklumpens nachhaltig beeinflusst. Über längere Zeit war das biologische Wachstum ausgebremst worden, nachdem ein Meteorit eingeschlagen war. Viele Lebewesen waren dieser Katastrophe zum Opfer gefallen, aber nachdem der Staub des Einschlages sich gelegt hatte, erholte sich diese Welt und erblühte erneut. Die Sedimentschichten erzählten den Gesteinsforschern davon. Besondere Quarze kamen in dieser Schicht gehäuft vor und ein eher seltenes Metall zeigte sich in höherer Konzentration als zuvor oder nach dieser Epoche. Diese Welt hatte schon einiges durchgemacht, seitdem sie entstanden war, dachte Ogt, immer noch den Kiesel zwischen den Fingern kreisend.

Mit einem Nicken steckte das Wesen den runden Stein zurück in die Tasche und zog dann einen hammerförmigen Gegenstand aus seinem Werkzeuggürtel. Bedächtig schlug es damit gegen die Tunnelwand, wobei sich ein faustgroßes Stück aus dem Fels löste. Abschätzend begutachtete Ogt die Maserung in dem frisch geschlagenen Stück, das er näher untersuchen wollte. Mit einem Analysescanner konnte die chemische Zusammensetzung bestimmt werden, aber sein Interesse ging darüber hinaus. Die biologischen Komponenten, die er im Stein eingeschlossen fand, wollte er Bogu für eine weitere Untersuchung übergeben. Der Zeitmesser des Datenterminals gab an, dass es bald Abendessen geben würde. Eine traditionelle Mahlzeit stand auf dem Plan. Ogt sammelte alles Nötige ein und ging zurück zur Basis.

Zum Abendessen trafen sich die drei Freunde wieder. Für Luti bedeutete es nur ein Pause vom Arbeitstag, Bogu konnte sich nach der Mahlzeit seiner Freizeit widmen und auch Ogt hatte während des derzeitigen Zyklus keine Verpflichtungen mehr.
Sie begegneten sich am Eingang zur Mensa und nach einer kurzen Begrüßung gingen sie gemeinsam zur Essensausgabe. Die hochrandigen Schüsseln, die sie von den Köchen bekamen, waren bis obenhin mit gepulten, gerösteten Insekten befüllt, die ein nussiges Aroma verströmten. Über den kommenden Genuss freute Ogt sich bereits, als sich die drei eine geeignete Sitzecke suchten. Etwas mürrisch schaute Luti auf sein Tablett, denn es mochte die moderne Küche lieber. Nur Bogu war es einerlei, denn Nahrungsaufnahme war ihm nur Mittel zum Zweck.

Nach der Mahlzeit, die von den Freunden sehr unterschiedlich bewertet worden war, zog Ogt das Felsbruchstück aus seiner Bauchtasche und machte Bogu auf die organischen Spuren darin aufmerksam. Das Mitglied der botanischen Abteilung untersuchte daraufhin interessiert die Probe. Es gab seinen Freunden zu verstehen, dass die Rückstände nicht pflanzlicher Natur wären, woraufhin Luti den kantigen Stein an sich nahm. Mit einem medizinischen Gerät wollte es später den Fund genauer analysieren. Es machte den beiden anderen klar, dass seine Pause sich zum Ende neigte und sie erhoben sich, um den Speiseraum gemeinsam zu verlassen.

Sobald Luti die Krankenstation erreicht hatte, widmete es sich einem weiteren Patienten, der sich einen dicken Dorn in die weiche Haut zwischen den drei hufartigen Zehen eingetreten hatte. Bogus Mitarbeiter wimmerte mit vibrierendem Rüssel, als Luti sich den Fuß näher ansah. In der kleinen Falte zwischen den Hufen und der Sohle steckte etwas Holziges, das dem Wesen große Schmerzen zu verursachen schien. Das Wagit in der hellgrünen Uniform der Mediziner sprühte die Stelle mit einer desinfizierenden Flüssigkeit ein, dann zog es den Stachel mit einem sterilen Greifwerkzeug aus der Haut, aus der dicke violette Flüssigkeit quoll. Diese Farbe war ungewöhnlich, daher nahm Luti einen Abstrich davon und veranlasste an der Arbeitsfläche eine chemische Analyse des Sekrets durch das Computersystem. Ein weiteres Mal spülte es die Wunde des verletzten Artgenossen aus und deckte sie ab. Den extrahierten Dorn gab es in ein Untersuchungsröhrchen, um ihn an Bogu weiterzureichen, das den Pflanzenteil untersuchen sollte.

Nun hatte es Zeit, sich mit dem Stein zu befassen, den Ogt zum Abend mitgebracht hatte. Bogu hatte bereits die Stelle mit den organischen Einschlüssen markiert, die Luti sorgfältig in eine Untersuchungsschale hineinrieb. Es sah sich die Krümel unter der elektronischen Vergrößerung eingehender an. Splittrige Knochenfragmente lagen zwischen den kristallinen Gesteinsfragmenten, konnte das Wagit erkennen, aber die computergestützte Untersuchung würde bessere Ergebnisse liefern.

Nach seiner Schicht verließ Luti die medizinische Sektion der Basis und begab sich in sein Quartier, wo es eine unruhige Schlafperiode verbrachte und zu Beginn des nächsten Tageszyklus müde zum Frühstück schlurfte. Mehrfach kratzten seine Hufe über den Steinfußboden und erschreckten Luti.

Auch für Ogt und Bogu hatte ein neuer Tag begonnen und beide waren neugierig, worauf das befreundete Wagit gestoßen sein mochte. Sie fanden Luti in der Mensa, wo es bereits an einem Tisch saß und ein aufputschendes Getränk zu sich nahm. Die drei aßen eilig ihre erste Mahlzeit, denn sie wollten alsbald zusammen Bogus Labor aufsuchen und sich die Auswertungen von Lutis Untersuchungen ansehen. Dort übergab Luti auch das Proberöhrchen an Bogu, das von ihm sofort geöffnet wurde, um den Pflanzenstachel zu betrachten, an dem noch etwas vom Blut des verletzten Wagit klebte.

Bogu nahm mit seinen Rezeptoren einen Duft wahr, den er nur von der Oberwelt kannte. Es legte den Dorn auf der Arbeitsfläche ab, schabte mit einem dünnen Messer das Blut ab, ehe es den Dorn der Länge nach halbierte. Behutsam träufelte das in der Botanik versierte Wesen eine Testflüssigkeit auf den offenen Stachel. Der Pflanzensaft dieses Gewächses reagierte heftig mit den Proteinen, die Bogu hinzugefügt hatte. Die Flüssigkeit brodelte und färbte sich lila ein. Ogt runzelte das Rüsselorgan ängstlich, als es die Reaktion sah. Luti rief seine Daten an Bogus Terminal auf und präsentierte sie seinen Freunden. Auch diese Analyse zeigte, dass in den irdischen Knochensplittern Verbindungen vorhanden waren, die mit der Körperchemie der Wagit reagieren konnten.
Bogu schob sein Experiment zurück in die Metallröhre, beschriftete sie und stellte sie in einer der Haltevorrichtungen ab.

Als Luti nach dem Mittagessen den Dienst in der medizinischen Station antrat, verstarb der Patient, dem es den Dorn aus dem Fuß entfernt hatte und hinterließ nach kurzer Zeit nur noch glitzernden, violetten Staub. Luti zog eine Schutzmaske auf und warnte seine beiden Mitarbeiter, doch die Atemluft musste kontaminiert worden sein, denn aus ihren Rüsseln rann violetter Schleim als sie ohnmächtig zu Boden fielen.