20. Die letzten Stimmen
Gemütlich löffelte er seinen Haferbrei am Tisch vor dem Küchenfenster, durch das kaum Licht gelangte. Der Sturm in der vergangenen Nacht hatte Schmutz und Regentropfen laut gegen die milchige Scheibe geworfen. Gunir würde sich nach dem Frühstück ansehen, welche Schäden das ausgiebige Gewitter draußen angerichtet hatte. Es gehörte für ihn nicht zu den liebsten Aufgaben, seine Wohnhöhle verlassen zu müssen, aber er wollte sich der Verantwortung stellen. Bevor der Mann den letzten Schluck aus der Teetasse nahm, atmete er den flüchtigen Duft des aromatischen Getränks tief ein.
An der schweren Holztür trug Gunir dick Lederfett auf seine Schuhe auf, das er gewissenhaft mit einer groben Bürste einarbeitete, dann zog er den gewachsten Wetterumhang über die Jacke. Nur schwer ließ sich die Pforte aufdrücken, als er endlich hinausgehen wollte. Einen kleinen Spalt weit konnte er sie öffnen, wobei ein Fetzen losen Mooses auf Gunirs Brust platschte und ein Spritzer Wasser auf seinen Lippen landete, der erdig schmeckte. Noch einmal schob er die Tür fest gegen den Widerstand, bis er nach draußen schlüpfen konnte.
Dem Einsiedler bot sich ein Anblick der Verwüstung. Geröll hatte zahlreiche Bäume umgerissen, der dünne Waldboden war durch den andauernden, starken Regen fortgespült worden. Dampfende Schwaden stiegen aus dem geschundenen Wald auf, laut gurgelte der nahe Bach durch das Tal. Gunir machte sich daran, zumindest den Eingang zu seinem Heim freizumachen und die gröbsten Hindernisse vom Pfad zu räumen. Er entfernte sich immer weiter von seiner Höhle, je mehr er sich der Arbeit widmete. Dabei bemerkte der kräftige Mann nicht, dass der Weg nicht mehr seinem ursprünglichen Verlauf folgte.
Immer wieder nieselte es leicht, die Wolken verschwanden den ganzen Tag lang nicht. Erst als es dunkel wurde, fiel Gunir auf, wie hungrig er geworden war und er schaute sich um. An diesem Abend würde er nicht mehr zurückgehen, entschied der bärtige Mann, als er auf einem Stück würziger Dauerwurst herumkaute. Aus den herumliegenden Ästen und Zweigen baute er sich einen einfachen Unterschlupf, in dem er die nahende Nacht verbringen wollte. Seine robuste Kleidung schützte ihn vor weiterem Regen, aber die kühle Luft der Dunkelheit kroch ihm bald in die Knochen. An erholsamen Schlaf war nicht zu denken, so nickte er immer wieder ein und schreckte bei jedem ungewohnten Geräusch auf.
Wie ein Säuseln des Windes erklang mit einem Male eine sanfte, unverständliche Stimme an seinem Ohr, kaum dass Gunir etwas Ruhe gefunden hatte. Die Worte konnte der Zwerg nicht deuten, doch erschienen sie ihm dringlich und er schlug die Augen auf. Mehr als die leicht glitzernde Silhouette einer menschlich scheinenden Gestalt konnte er nicht erkennen. Wie ein Schwarm Glühwürmchen durchdrang sie die schützenden Blätter, dann winkte sie ihm und redete in ihrer fremden Sprache fortwährend auf Gunir ein, der immer noch nichts davon verstand.
Seine Neugier war geweckt. Er raffte sich auf und kroch aus seinem Versteck, um der Erscheinung zu folgen. In den letzten Stunden war es trocken geblieben, zwischen dicken Wolkenfetzen konnte man nun vereinzelt Sterne entdecken. Das fahle Licht reichte gerade, um nicht über jeden Stein zu stolpern, also wagte der Bärtige es, dem Wesen vorsichtig nachzugehen.
Der Untergrund bestand aus Schlamm und Geröll, jeden Schritt begleitete ein schmatzendes Geräusch. Frischer Wind zerrte an seinem wetterfesten Umhang, den er beim Gehen mühsam festhielt, denn der glitzernde Schemen schwebte eilig voran und Gunir wollte ihn nicht aus den Augen verlieren. Es wurde langsam hell, als der Zwerg vergeblich nach dem Wesen schaute, das ihn geführt hatte. Es war verschwunden. Dennoch setzte er den Weg in der eingeschlagenen Richtung fort, um herauszufinden, wohin er ihn bringen würde.
Gunir erreichte eine Hügelkuppe, die ihm etwas Orientierung und einen ungewohnten Ausblick darbot. Ein großer Teil des Waldes, der nicht im Schatten des Bergkessels stand, trug dieselben Spuren wie die Umgebung seines Heims. Umgestürzte Bäume, kahle Flächen, aufgetürmte Äste und Felsen. Was den Zwerg aber besonders auffiel, war ein leergefegter Platz, der in einiger Entfernung direkt vor ihm lag. Dorthin ging Gunir, um das wahrscheinlich künstlich erschaffene Areal zu erkunden.
Der matschige Weg trocknete langsam und wechselte zu steinigem Untergrund. Als der Zwerg den Platz erreicht hatte, stelle er fest, dass er aus bearbeiteten Steinen gepflastert worden war. Die Reste von Mauern und Säulen lagen weit darüber verstreut. Das Unwetter hatte eine verlassene Siedlung freigelegt, die sich die Natur bereits zurückgeholt hatte.
Kaum etwas war von den oberirdischen Gebäuden erhalten geblieben. Viele der Treppen, die in den Untergrund führten, lagen verschüttet oder waren von Wurzelwerk überwuchert. Am hinteren Rand des Platzes entdeckte Gunir einen begehbaren Zugang zu einem der Keller, aber auch hier erschwerten aus den Fugen geratene Steine und Pflanzenbewuchs sein Vorankommen. Aufgrund der gleichmäßigen Mauersteine vermutete der Zwerg, dass eine fortgeschrittene Kultur die nun zerstörten Gebäude einst erbaut haben musste. Er bahnte sich einen Weg durch den kurzen Gang, dem sich ein quadratischer Kellerraum anschloss. Dort stand ihm das herab gelaufene Regenwasser aus der Gewitternacht bis zu den Knöcheln. Die Luft roch abgestanden und moderig. Einzig ein paar Tongefäße hatten die Zeit überstanden, aber außer verklumptem Staub befand sich nichts mehr darin.
Auf der linken Raumseite führte eine weitere Treppe tiefer hinunter. Das durch Gunirs Schritte in Bewegung geratene Wasser plätscherte über die leicht erhöhte oberste Stufe und rann hinab ins Dunkel. Sollte er sich ohne Lichtquelle nach unten wagen?
Unschlüssig schaute sich Gunir ein weiteres Mal in dem Raum um, kurzerhand schnappte er sich einen der Tonkrüge und drehte diesen auf den Kopf. Seinen Umhang streifte er ab, um ihn auf den feuchten Boden des Gefäßes zu legen. Dann setzte er sich darauf und kramte in seinen Taschen. Viel trug er nicht bei sich, aber das Nötigste hatte er immer dabei, wenn er sich aus seiner Wohnhöhle wagte. Ein kleiner Stoffbeutel, befüllt mit getrockneten Beeren und Nüssen, und einige Streifen Trockenfleisch als Verpflegung würden ihm für einige Tage genügen. Gut verpackt in einer kleinen, festen Ledertasche, die an seinem derben Gürtel hing, hatte er einen Flint, seinen Feuerstahl und etwas Zunder dabei. Auch eine Feldflasche führte er mit sich. Ohne diese Grundausrüstung würde er sich niemals weit fort von seinem Heim wagen.
Über dem Wald stand die Sonne bereits hoch im Himmel, als Gunir beschloss, die gemauerten Stufen in das Dunkel hinein zu betreten. Ein mulmiges Gefühl begleitete ihn, doch die Fragen in seinem Kopf zogen ihn voran. Noch konnte der Zwerg ausreichend gut sehen, um nicht blindlings die Treppe herunter zu stolpern, doch würde ihn das sicher bis zur untersten Stufe bringen? Er war sich unsicher, doch er rutschte von seinem Sitzplatz, streckte sich und setzte dann seinen linken Fuß auf die Schwelle.
Mit jedem Schritt nach unten glitt seine rechte Hand auf der gemauerten Wand ein Stück weiter. Feucht und schmierig vom Moos in den Mörtelfugen, gab es nur wenig Halt. Die hohen Stufen erschwerten dem kleingewachsenen Mann den Weg, aber er nahm es in Kauf, um seiner Neugier nachzugehen.
Auch nach zwanzig Schritten hatte die Treppe kein Ende genommen, seine Hand begann zu schmerzen und er streckte seine Linke aus, um die gegenüberliegende Mauer zu berühren, doch sobald er den Kontakt nach rechts verloren hatte, stand er ohne Stütze mitten im Nirgendwo. Hinter ihm, weiter oben, drang noch etwas Tageslicht ein, aber vor ihm gab es nur Schwärze.
Mit Bedacht schob er sich nach links, tastete nach dem Moosbewuchs und griff dabei in etwas ungewohnt Trockenes, das sofort zu Staub zerbröselte. Gunir musste schwer schlucken, setzte die Bewegung dennoch fort und erreichte mit seinen Fingerspitzen die Mauerziegel. Erleichtert aufatmend tastete er sich weiter.
Dreiundfünfzig Stufen hatte Gunir gezählt, als er wieder auf ebenen Boden trat. Seine Augen starrten wie blind umher, denn kein Lichtstrahl reichte bis dorthin, wo er sich befand. Müde setzte er sich auf die Treppe, die nun nicht mehr feucht und rutschig war, sondern staubtrocken. Von den Auswirkungen des Gewittersturms war in der Tiefe nichts mehr zu bemerken. Auch wenn er nichts sehen konnte, so halfen ihm seine anderen Sinne. Die dumpfe Stille rief ein beklemmendes Gefühl in ihm hervor. Die Luft roch abgestanden, aber unauffällig. Seinen trockenen Mund benetzte Gunir mit einem Schluck aus seiner Wasserflasche, die er mühsam vom Gürtel nahm. Während er sich ausruhte, dachte er nach, ob er den Rückweg antreten sollte. Ohne Lichtquelle würde er nicht vorankommen und nichts über die Erbauer in Erfahrung bringen können. Selbst das Rätsel um die geisterhafte Erscheinung wäre für ihn unlösbar.
Der Abstieg hatte all seine Sinne beansprucht, nun saß er am Fuß einer langen Treppe, die in einer undurchdringlichen Schwärze geendet hatte. Müde lehnte der Zwerg seinen Kopf an die Wand und bald tönte ein leises Schnarchen durch die alten Gänge.
Ein diffuser Lichtschein schwebte durch die gemauerten Tunnel dem Besucher entgegen, der schlafend in der Dunkelheit saß. Viele leuchtende Punkte formten eine Gestalt, die menschlich wirkte. Ihre geflüsterten Worte rissen den Zwerg aus seiner Erholung und mit einem Schlag war er wieder wach. Das sanfte Glimmen der Erscheinung spendete auch Gunir etwas Licht und er erkannte erloschene Fackeln, die in regelmäßigen Abständen aus Befestigungen an der Wand ragten. Doch für ihn hingen sie zu hoch, um sie zu erreichen. Er lauschte der säuselnden Stimme seines mysteriösen Gegenübers und folgte ihm bedächtig, als es sich in Bewegung setzte.
Er war froh, sich nicht mehr blind voran tasten zu müssen, also nutzte er die Gelegenheit und sah sich prüfend um. Das leuchtende Wesen drängte immer noch vorwärts, passte sich aber dem Tempo des Zwerges an, der die schmucklose Schlichtheit der ihn umgebenden Architektur bewunderte.
Die Gänge waren frei von Unrat, nicht einmal eine aufgeschreckte Maus huschte vorbei. Beinahe steril und gleichförmig zog der Gang sich wie eine Linie durch den Untergrund. Plötzlich verschwand das Leuchten und Gunir stand hilflos allein in dem Tunnel, den er eben noch fasziniert erkundet hatte.
Der Zwerg setzte sich einfach auf den Boden und dachte über die Geschehnisse nach, die ihn dorthin gebracht hatten. Zum zweiten Mal war er von diesem Wesen geweckt worden, das aus unzähligen Lichtpunkten zu bestehen schien, nur um sich kurze Zeit später aufzulösen. Bei der ersten Begegnung fand Gunir kurz darauf diese Ruinen. Womöglich gab es auch hier etwas in seiner Nähe, worauf er achten sollte.
In dieser lichtlosen Umgebung waren seine Augen nutzlos, aber an seine Ohren drang ein leises Summen, das er erst wahrnahm, als er sich beruhigt hatte.
Der Zwerg raffte sich auf, tastete nach der Wand des Ganges und folgte ihrem Verlauf dem Geräusch entgegen, das die Stille verdrängt hatte. Die Gewissheit, dass der Weg frei von Unebenheiten war, beschleunigte seine Schritte. Dennoch blieb er immer wieder stehen, um zu lauschen. Der Ton des Geräusches veränderte sich, wurde mal zu einem Brummen, dann summte es wieder und entwickelte sich gar für einen Moment zu einem schrillen Pfeifen. Je weiter Gunir ging, umso schneller wechselte der Ton von hoch zu tief.
Mit der linken Hand berührte er immer noch die Mauer, während die Finger der rechten durch seinen dichten Bart glitten. Die Suche nach den Antworten zog ihn vorwärts, bis er wenige Schritte vor ihm, auf der anderen Seite des Ganges, ein diffuses blaues Glimmen bemerkte. Licht! Vorsichtig näherte Gunir sich dem ersten Raum, seitdem er die unterirdischen Tunnel betreten hatte. Zögerlich, aber von seiner Neugier getrieben, wagte er ein Blick hinein.
Vor der schmalen Wand auf der linken Seite des länglichen Raumes rotierte etwas hellblau Leuchtendes auf einem steinernen Sockel, der dem Zwerg bis zum Kinn reichte. Der eingängige Ton war wohl aufgrund der einsetzenden Drehbewegung entstanden. Gunir genügte der Lichtschein, um sich eingehender umzusehen und er entdeckte eine Art Tisch, an der langen Wand, auf dem einige ihm unbekannte Gegenstände lagen. Mit etwas Mühe konnte sich der Zwerg soweit strecken, dass er eines der längeren Objekte fassen konnte. Er zog es zu sich heran und untersuchte den metallenen Zylinder, den seine Hand vollständig umfassen konnte.
Er zog und drehte vorsichtig daran, bis es sich löste und er die zwei Röhren auseinanderziehen konnte. Aus dem Inneren rieselte ein glitzerndes Pulver ohne Geruch, dessen Farbe er nicht genau definieren konnte. Es erinnerte ihn an die geisterhafte Erscheinung mit ihrem glitzernden Glimmen. Etwas enttäuscht wandte der Zwerg sich der Lichtquelle zu, die nun konstant summte und leuchtete. Das lumineszierende Element war in einer Halterung fixiert, die aus dem Sockel ragte. Es sah wie ein Kristall aus, aber Gunir wollte dessen Bewegung nicht stoppen, weil er befürchtete, daraufhin erneut im Dunkeln stehen zu müssen. Fasziniert beobachtete er die Konstruktion, dann kehrte er zum Tisch zurück, wo er die nun leeren Röhren benutzte, um die anderen Gegenstände zu sich heranzuziehen.
Eines der Dinge ähnelte einer Zange, wie Gunir sie kannte. Außerdem war er an ein Gestell aus Metall gelangt, in welches man die Röhren aufrecht hineinstellen konnte. Hunger und Durst machten sich bemerkbar. Gunir setzte sich auf den Steinboden und legte eine Pause ein. Noch boten sich ihm keine Antworten, worüber er ins Grübeln kam, was ihn wohl noch erwarten würde. Das monotone Summen der Lichtquelle machte ihn schläfrig, die Augen fielen ihm immer wieder zu. Mit dem Rücken gegen den Steinquader gelehnt, der als Tisch diente, ruhte der Zwerg, bis ein Licht im Korridor der Türöffnung entgegenschwebte.
In seiner melodiösen Sprache redete das Lichtwesen auf Gunir ein, der sich verschlafen die Augen rieb. Er rappelte sich auf, blickte die Erscheinung erwartungsvoll an und nickte. Das Wesen schien seine Geste zu verstehen, denn es setzte sich in Bewegung und schwebte aus dem Raum. Mit neuem Eifer stapfte der Zwerg den Lichtpunkten nach.
Im Vorbeigehen begannen die Fackeln an den Wänden bläulich zu glimmen, genau wie das Gerät, das Gunir zuvor betrachtet hatte. Vor ihnen teilte sich der Korridor. Das Lichtwesen ging links weiter und der bärtige Mann ging ihm hinterher, bis es vor einer Metalltür stehen blieb und sich auflöste.
Die Tür besaß weder Schloss noch Hebel, also versuchte Gunir sie aufzustoßen. Einen Spalt weit konnte er das störrische Türblatt bewegen, dabei knarrten und quietschten die eingetrockneten Angeln ohrenbetäubend. Viel Kraft musste er aufwenden, um den Zugang soweit zu erweitern, um sich in den dahinterliegenden Raum quetschen zu können. So trat er in einen kleinen Saal ein, in dem neun der Steintische ein gleichmäßiges Raster bildeten. Entlang der Wände zog sich ein schmaler Sims, auf dem sich Gestelle mit ungezählten Röhrchen aneinanderreihten. Das blaue Leuchten der künstlichen Fackeln rief eine melancholische Stimmung in Gunir hervor. Auf drei der Tische glitzerte es sanft in Form menschlicher Silhouetten. An den Tischen tauchten drei leuchtende Geistwesen auf, die dem Zwerg winkten und dann langsam verblassten.