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65. Klarheit

Unterirdische Zwergenhalle aus hellem Kalkstein mit zentraler, pyramidenförmiger Porphyrsäule auf einem Sockel; orange leuchtende Runen am Sockel erhellen den ovalen Raum in warmem Licht. Erstellt mit ChatGPT.
Die Landmarke der Steinformer. (KI-generiert)

Am Morgen weckten mich die sphärischen Klänge des Resonanzsteins aus süßen Träumen. Der Tagesablauf der Steinformer war streng nach dem Stand der Sonne getaktet, die zur Mittagszeit hoch über der Mitte der Schlucht stand. Das hatten uns am Abend zuvor die Tunnelbauer erzählt. Nach einer Weile fand sich die Gruppe auf dem Flur zusammen und wir begrüßten einander. Gemeinsam gingen wir hinunter in die Wirtschaft, wo bereits das Frühstück auf uns wartete. Duftender Aufguss von Kräutern und Beeren waberte dampfend durch den Raum, der sich mit dem Geruch von frischem Gebäck vermischte, was mich lächeln ließ. Auch diesmal stand alles, was das Herz begehren konnte, auf dem breiten Tresen bereit, sodass man sich selbst daran bedienen durfte.

 

Ein früher Sonnenstrahl flutete den Felsspalt und fand auch seinen Weg hinein zu uns in die Gaststube, deren Tür weit offen stand.

Wir befüllten unsere Teller und setzten uns gemeinsam an einen der großen Tische. „Meint ihr, die Steinformer werden uns bei allem beistehen, was noch vor uns liegt? Es gibt ja wirklich viel zu schaffen, bis wir das Clantreffen ausrufen können.“, sprach Spinella über ihre Bedenken, doch Gimal grinste und sagte voller Selbstbewusstsein: „Nichts wird meine Leute davon abhalten, ihrer Pflicht nachzukommen. Gemeinsam mit den anderen Clans schaffen sie das. Da habe ich keine Sorgen. Ich weiß nur nicht, wie lange das dauern wird.“ In Ruhe nahmen wir die Mahlzeit ein.

 

Als ich aufgegessen hatte, begab ich mich nach draußen, um das Sonnenlicht zu genießen. Wie eine blühende Oase mitten im kargen Fels kam mir die Stadt vor, als die Sonne über dem Bergeinschnitt ihre tägliche Bahn zog. Auf den Terrassen schwirrten Insekten und kleine Vögel zwischen den Pflanzen umher. Die umgebenden Gipfel trugen beinahe unvergängliche Kappen aus Schnee.

„Die Spalte wird von einer Barriere geschützt, die nur von unten her durchsichtig ist. Auf der Außenseite sieht man nur nackten Fels.“, bemerkte eine Zwergin, die sich zu mir gesellt hatte. Dann stellte sie sich vor: „Ich bin Rima, Kind von Tolg, und gehöre zum Rat der Steine. Wir waren uns bisher noch nicht begegnet, Bewahrer. Wir sehen uns später beim Treffen wieder.“ Sie nickte freundlich und begab sich zur Treppe, die sie hinaufstieg. Ich genoss noch ein wenig die schöne Aussicht, welche die Stadt mir bot, bis meine Gefährten aus der Herberge kamen und sich bei mir versammelten.

 

Das Leben erwachte nun auch in der Stadt, denn die Bewohner liefen über die Terrassen und begannen mit ihrer Arbeit. Zwei von ihnen kümmerten sich um die Bepflanzung in unserer Nähe. „Ich zeige euch gern noch die oberen Terrassen, wenn ihr mögt. Von dort habt ihr eine tolle Aussicht über die Berge.“, bot Gimal an, womit alle einverstanden waren. Wir gingen die bequemen Stufen hinauf, während der Wasserkanal an der Höhlenwand nach unten floss. Stets leuchteten die Kristalle, deren Licht aber erst in der Dunkelheit zur Geltung kam.

Bald hatten wir den obersten Punkt der Siedlung erreicht, wo entlang der Spalte schmale Stelen in die Höhe ragten. „Sie erzeugen den Schutzzauber und werden jeden Tag von den Magiern überprüft.“, erklärte der Steinformer, als er auf die schmalen Steine zeigte. Der Ausblick hinauf in die weiß-graue Bergwelt und nach unten in die Kluft nahm mir tatsächlich den Atem, da diese beiden Welten einander so nah und doch so unterschiedlich waren. Das Grüne und Bunte der sieben Terrassen war der blanke Gegensatz zu den kalten, schroffen Bergen, die über uns den Himmel zu berühren schienen.

Die Steinformer wussten die Magie der Felsen zu nutzen. Sie verwendeten Mineralien, die ihre Energie nur langsam abgaben, sodass die Illusion für lange Zeit aufrechterhalten werden konnte. 

 

Die Eindrücke wirkten noch etwas nach, als Gimal zur Treppe auf der anderen Seite ging und sich auf die Rutsche setzte und meinte: „Wir sollten uns zum Garten begeben. Den Rat möchte ich nur ungern warten lassen.“ Er winkte und sauste hinab. Nacheinander glitten wir auf dem abgerundeten Profil in die Tiefe. So langsam bekamen wir Übung darin, die Rutschen zu benutzen und erreichten wohlbehalten die mittlere Ebene der Stadt. Gimal grinste mir entgegen und Khûna jauchzte freudig, als sie nach mir ankam. „Das macht echt Spaß! In Amon Calen sollten wir auch so etwas bauen, um flink vom Wald zum Turm gelangen zu können.“, sagte sie lachend. Bald standen wir alle wieder beisammen und marschierten geschlossen zum Versammlungsplatz.

 

Alle sieben Räte der Steine hoben grüßend ihre Hände, als sie uns kommen sahen.

Gimals Onkel hatte sich auf einer der Bänke niedergelassen und putzte sich gerade die Hände an den Hosenbeinen ab. „Idmí, Reisende!“, hieß der Sandzwerg uns willkommen. Seine Stimme und das Rieseln, das ihn immerfort begleitete, vermischten sich zu einem mahlenden Geräusch.

„Eben haben wir unsere Beratung beendet. Ihr seid pünktlich. Nun hört unseren Beschluss!“, gab Faruba ohne Umschweife kund. Usím, der Erzene, verkündete rumpelnd: „Natürlich sind wir bestrebt, die Reisetunnel in Ordnung zu halten und zu erneuern. Ihr werdet dafür sorgen, dass die Erzformer und die Druiden den Kontakt zu uns aufnehmen. Wir errichten bei den Ernährern eine neue Station und werden sie dabei in die Pflicht nehmen. Sobald die südlichen Gänge wieder nutzbar sind, holen wir auch die Händler in die Lore. Die Feuerzwerge vorerst in Ruhe zu lassen, halten auch wir für richtig. Dennoch müssen wir uns mit euch noch eingehend über diesen Clan unterhalten. Nur wenn wir Hand in Hand arbeiten, kann unser Volk auch erneut zusammenwachsen. Ihr zehn Zwerge seid der Schlüssel zu der neuen Ära, die sich ankündigt und ohne euch wird es nicht dazu kommen.“ Mit einem Nicken beendete er seinen Vortrag und Rima fuhr fort. „Auf unseren Beitrag könnt ihr zählen, doch ohne die Hilfe von euch und den Clans wird das Unterfangen keinen Erfolg haben.“, legte uns die Künstlerin nachdrücklich ans Herz. Sie lächelte dabei mit ausgestreckten Armen.

 

Die Aussagen der Steinformer stellten für mich keine Überraschung dar, daher nickte ich nur zufrieden. „Dann kümmern wir uns darum, die Wissenden zu wecken und die Erzformer zu mobilisieren. Die Druiden werden wir durch einen Boten benachrichtigen. Deren Beistand ist gewiss, da sie von unseren Bestrebungen wissen. Sie sollen sich mit den Steinformern in Mebel’aban treffen und die Arbeiten abstimmen.“, stellte Rognil den Ratsleuten in Aussicht. Imus bestätigte das, indem er sagte: „Darauf könnt ihr euch verlassen. Morgen setzen wir die Reise fort und brechen nach Gabil'urdûm auf. Bald können wir in den Eisenbergen ein erstes Treffen einberufen.“ Damit waren alle einverstanden.

Die wirklichen Hürden lagen wohl noch vor uns, auch wenn ich wusste, dass der längste Teil des Weges bereits gegangen war. Mit etwas Unbehagen stellte ich fest, dass die Augen aller Anwesenden auf mir ruhten und mich damit stumm aufforderten, etwas zu sagen. Ich räusperte mich kurz und sprach: „Es ehrt mich sehr, dass ihr so wohlwollend zu uns steht. Meinerseits steht es außer Frage, dass das gesteckte Ziel nur gemeinsam erreichbar ist. Ich werde alles dafür tun, die Clans zusammen zu bringen. Für eine hoffnungsvolle Zukunft der Khazâd.“

„Khazâd sullusôn!“, riefen Pelok und Olthek, gemeinsam wiederholten alle den Schlachtruf im Chor.

Die Zwerge werden wieder vereint sein und wir sollten das ermöglichen.

 

Die sieben Steinformer nickten ein letztes Mal in die Runde, um sich zu verabschieden, dann gingen sie ihrer Wege. Fumir war sitzen geblieben, schaute seinen Kollegen nach und nuschelte in seinen Bart. „Ihr seid mir schon Zwerge vom rechten Schlag. Ich weiß, dass ihr einfach alles erreichen könnt, was ihr angeht. Bringt ihr mich zurück in meine Pflanzhalle?“ Gimal und Olthek sagten nichts, sondern halfen dem Greis einfach auf. Dann folgten wir dem Trio zur Treppe und glitten noch eine Ebene tiefer. Der Botaniker saß dabei zwischen den beiden jüngeren Zwergen, die gut auf ihn Acht gaben.

 

Gemächlich folgte ich dem Greis, der mit seinem Neffen plauderte. Olthek und die beiden gingen gedankenverloren am Eingang der Pflanzhalle vorbei zur Taverne. Als wir dort eintraten, meinte Pila: „Ihr seid gerade noch rechtzeitig zur Tagesmahlzeit angekommen. Setzt euch, wir bringen das Essen und Bier.“ Im gemütlichen Schankraum nahmen wir das Mittagessen ein, das aus grünen Klößen, gedünstetem Kohl und einem Pilzragout bestand. Das Bier kam hell und leicht in irdenen Krügen daher.

„… dann könnt ihr ja zur Säule gehen und ich werde meine Rüben gießen.“, sagte Fumir zu Rybor am Ende der Mahlzeit. Der alte Zausel grinste schelmisch zwischen den dichten Augenbrauen und seinem Bart hervor, als ich ihm einen Blick zuwarf.

 

Nickend verabschiedeten wir uns nacheinander aus der Schenke. Der Botaniker drehte sich mit einem Ruck zur Gruppe um. Den linken Zeigefinger an den Lippen haltend richtete er sein Wort an uns. „Die Landmarke befindet sich ganz unten, etwas abseits der Siedlung. An jenem Punkt beschlossen die alten Steinformer, sich in dem Felseinschnitt niederzulassen. Entlang der Tunnel bewohnt mein Clan weitere Höhlen, die durch die Arbeit an den Gängen erschlossen wurden. Bazanu’abban fungiert als Hauptort, die anderen Siedlungen sollen die dortigen Wege instand halten. Ursprünglich wollten sie in Gabil’urdûm bleiben, was sich aber als wenig praktisch erwies, wenn sie ihrer Aufgabe nachkommen wollten. Sie übergaben dem Zabad’abbud die Stadt als Heim und zogen westwärts durch die neuen Tunnel. Es war noch vor meiner Berufung, als die Generation meiner Eltern die Steinernen Gärten errichtete. Ich wünsche euch einen besinnlichen Nachmittag, junge Freunde.“, gab der greise Ratsherr uns mit auf den Weg. Er wandte sich zum Tor der Pflanzhalle, ging darauf zu. Wir begaben uns zur Rutsche an der Abwärtstreppe.

 

Bis zum eingeebneten Grund der Bergspalte fiel der Schein der Sonne hinab. Die Schienen der Bahngleise glitzerten ein wenig. Im Licht kam mir der langgezogene Raum am Fuße der Stadt größer vor als bei der Ankunft in den Steinernen Gärten. Er setzte sich sogar hinter dem Prellbock noch fort, wo sich der Gang im dunkleren Schimmer der Kristalle verlief. Gimal führte uns genau dort hin, wo die Sonnenstrahlen nicht mehr hingelangten. Das hellgraue Dioritgestein mit seinen vielen Einschlüssen umgab uns wieder. An Stellen, die unsicher schienen, waren die Tunnelwände aus Kalksteinblöcken gefügt worden. Dort spendete eine künstlich eingebaute Rinne, aufgefüllt mit Kristall, aprikosenfarbenes Licht. Die Präzision der Baukunst erstaunte und berührte mich, doch die Halle, die wir kurz darauf betraten, nahm mir gar den Atem.

 

Ein Gewölbe, ganz aus hellem Kalkstein erschaffen, tat sich auf. Das Band aus Licht zog sich am Sockel der Wand entlang durch den gesamten Raum, dessen Grundfläche ein Oval bildete. In seiner Mitte stand die typisch pyramidenförmige Landmarke, die aus Porphyr gebaut war. Die rötliche Oberfläche glänzte matt und bildete einen starken Kontrast zur Umgebung. Von meiner Neugier geleitet trat ich näher heran, wobei die Runen im selben Orange aufglommen wie das Lichtband. Meine Gefährten umringten die Säule und Imus las die erste Inschrift vor.

 

„Das Lernen beginnt mit dem ersten Eindruck der Sinne.“

„Jeder neue Tag bringt neue Erfahrungen.“, setzte Spinella fort.

Rognil gab die dritte Zeile wieder: „Ein gesunder Geist schläft nicht nur, er ordnet sich in der Ruhe der Nacht.“

„Die Summe deiner Tage ist mehr als nur vergangene Zeit.“, lautete der letzte Satz, den Pelok aussprach.

 

Wir nahmen uns an den Händen und es wurde still. Jeder verinnerlichte die gehörten Worte und überdachte deren Bedeutung. „Unser Leben beinhaltet eine ganze Reihe einzigartiger Erfahrungen. Sie formen uns als Individuum.“, sinnierte Khûna flüsternd. Olthek meinte einen Augenblick später: „Mir sagen die Worte auch, dass ich mein Tun und meine Eindrücke auf mich wirken lassen und hinterfragen soll. Ich kann erst wirklich mit dem Erlebten umgehen, wenn ich mich damit ausreichend beschäftigt habe.“

Ein gemeinsamer tiefer Atemzug beendete die innere Einkehr nach einer Weile. „So unterschiedlich unsere Leben auch geprägt seien, so allgemeingültig sind diese Worte. Nehmt sie euch zu Herzen. Jeder von uns geht seinen eigenen Weg, auch wenn wir ein Stück weit den Pfad gemeinsam beschreiten. Danke, dass ihr mit Daril und mir hier seid.“, sagte Foret gerührt. Alle nickten und wir machten uns auf den Rückweg zur Stadt.

 

Eine Lore rumpelte leise über die Schiene, als wir den Verbindungsgang verließen und auf dem kleinen Vorplatz am Fuße der Stadt ankamen. Die Insassen des Gefährts hatten uns nicht gesehen, denn der hinterste Waggon verschwand hinter der Rechtskurve, sobald ich ihn erblickt hatte. ‚Morgen wird es auch für uns wieder weitergehen, vorwärts und zurück gleichermaßen.‘, wurde mir bewusst.

„Welche Gedanken plagen dich, Daril?“ Eine Hand lag leicht auf meiner linken Schulter und Khûnas grüne Augen schauten mich freundlich an. Ihre Lippen zeigten ein schmales Lächeln und sie nickte mir aufmunternd zu. Ich straffte mich, sog tief die Luft ein, dann grinste ich sie an. „Das, was kommt, wirft bereits Schatten und ich weiß noch nicht, ob es gut wird. Morgen machen wir den nächsten Schritt.“, orakelte ich vor mich hin und schaute hinauf in den Himmel über der Kluft.

 

Hinter den aufgezogenen Wolken erkannte ich, dass die Sonne ein gutes Stück gen Westen gezogen war und der Tag sich zum Abend hin neigte. Ein Essen mit dem Rat der Steine stand uns noch bevor, nach dem wir noch über die möglichen Schwierigkeiten sprechen wollten, die sich aufgetan hatten. In meinem Kopf schwirrten die Gedankenfetzen, was mir Unbehagen bereitete. Meine Gefährten sollten davon erfahren, denn gemeinsam ließen sich solche Lasten besser tragen als allein.

Khûna und Pelok begleiteten mich beim Aufstieg entlang des Wasserlaufs. Die anderen Freunde bildeten zwei Gruppen und schwatzten ungezwungen, während das Paar und ich still und konzentriert die Stufen erklommen.

 

Bevor die Sonne im Westen der Schlucht verschwand, sendete sie ein letztes Bündel ihrer Strahlen hinab und tauchte die Stadt in ein zauberhaftes Lichtspiel. Wir blieben andächtig auf den Stufen stehen, doch von unten erklang bereits der Chor der abendlichen Prozession. Wir gingen noch ein Stück, bis wir die nächste Ebene erreichten und ließen die singenden Zwerge passieren, die sich im Takt an uns vorbei bewegten. „Sie gehen bis auf die oberste Plattform. Dort wünschen sie einander eine gute Nacht und verabschieden sich.“, schob die sanfte Stimme Farubas hinter mir ein, ohne die rituelle Szene zu stören. Bald verklang der Gesang und die Ratsfrau trat an mich heran. Mit leicht vorwurfsvoller Miene sagte sie: „Ich hatte euch bereits gesucht. Fumir teilte mir mit, dass ihr bei der Säule wart. Daher machte ich es mir hier nahe der Treppe gemütlich, um mit euch zum Abendessen zu gehen. Die anderen werden bereits warten.“ Foret nickte, schloss sich ihr beim Erklimmen der nächsten Stufen an und meinte: „Wir hatten die Abendprozession abgewartet. Gestern konnten wir das Schauspiel nur aus einigem Abstand beiwohnen. Sie so nah vorbeiziehen zu sehen, war schon ein erhebendes Erlebnis für mich.“ Ich konnte bei der anmutigen Frau ein schmales Lächeln erkennen, da ich hinter Foret ging. Die Schmiedin und der Erzformer blieben weiterhin an meiner Seite und die anderen folgten uns nach, bis auf die nächste Ebene, wo wir geradewegs das Gasthaus aufsuchten, wo bereits die anderen Ratsmitglieder versammelt waren.

 

Sikor, der Sandzwerg, wirkte beständiger als wir ihn bisher erlebt hatten. Mit reibender Stimme begrüßte er uns und Faruba beim Eintritt in die Gaststube: „Während ihr unterwegs wart, konnten wir uns einigen, was zum Abendmahl aufgetragen werden soll. Setzt euch zu uns und trinkt einen Schluck!“ Ungewohnt freundschaftlich hatte seine Aufforderung geklungen, der mit lächelnden Gesichtern nachgekommen wurde. Wir setzten uns an die Tische, die zu einer breiten Tafel zusammengestellt waren, den Ratsleuten gegenüber. Zwei Holzfässchen mit Zapfhahn standen aufgebockt an gegenüberliegenden Ecken, aus denen Rima und Nilos dickwandige Krüge mit rötlichem Bier befüllten. Als ich einen der Humpen in den Händen hielt, strömte ein ungewohnter Duft daraus in meine Nase. Von getrockneten Pfifferlingen und Steinpilzen kündete der erste Schluck des Gebräus, das recht süß und schwer daherkam. „Pilz-Bräu. Schmeckt es euch, Herr Daril?“, fragte die Technikerin Barith mich und erklärte auf mein Nicken hin, was es damit auf sich hatte: „Fumirs Leute haben der Maische beim Kochen neben dem Hopfen auch zerkleinerte, getrocknete Pilze beigefügt, um den Geschmack so hinzubekommen. Die Brauer haben das Rezept verfeinert und dieses spezielle Porter kreiert. Bei den Tunnelbauern ist es sehr beliebt.“

 

Die Speisen waren einfach gehalten, dennoch äußerst schmackhaft. Den Beginn machte eine cremige Suppe aus Pastinaken, zu der ein dunkles Brot gereicht wurde. Gebackener Kürbis mit herzhaftem Käse wurde beim zweiten Gang serviert. Den Abschluss machten süß-saftige Marillenknödel, wie ich sie ähnlich aus Birnai kannte. Nach dem vorzüglichen Mahl lehnten sich alle gesättigt zurück während Pila und Atbir irdene Becher mit Kräuteraufguss brachten, der die Verdauung anregen sollte.

 

Rognil stand auf und verneigte sich leicht, bevor er sagte: „Danke für dieses ausgezeichnete Essen und das köstliche Bier. Wir fühlen uns von eurer Gastfreundschaft geehrt. Wollen wir nun über die Bedenken sprechen, die angedeutet wurden?“ Seine direkte Frage wurde mit einvernehmlichem Nicken der Ratsmitglieder bestätigt. „Erzählt uns von den Feuerzwergen und den Wissenden. Wir wollen gern erfahren, auf welche Schwierigkeiten ihr gestoßen seid.“, forderte Usím uns auf. Ich schaute zu Rybor, dessen Zähne knirschend mahlten, und nickte ihm zu. „Mein Clan wollte nach der ablehnenden Behandlung in Takal Dûm nichts mehr mit anderen Zwergen zu tun haben, also schlossen wir uns in eine Barriere ein. Das Eintreffen dieser neun Zwerge, die das Tor zu öffnen vermochten, stellte unsere Gesellschaft auf die Probe. Sie zeigten König Garon, dass eine neue Zeit angebrochen war, in der alte Wunden womöglich geheilt werden könnten.“, stellte der ehemalige Kommandant der Feuerzwerge seine Sicht dar. Einen kurzen Augenblick später erhob sich Foret und sprach: „Wir haben während unserer Tage in den Feuerhöhlen beide Seiten der Geschichte kennengelernt. Daher können wir sowohl die Angst unserer Ahnen ebenso nachvollziehen, wie den Unmut der damaligen Feuerlenker, der in einer gewaltvollen Revolte gipfelte und mit ihrer eigenen Isolation endete. Die Emotionalität der Feuerzwerge ist immer noch vorhanden, doch sie haben gelernt, besser mit ihr umzugehen. Ihre Feuermagie und ihre Herzenswärme entstammen der selben Quelle und sie führen ihr Leben ganz im Sinne des Schmiedevaters. Ich würde mich schämen, sollten wir sie nicht nach Takal Dûm einladen und dort ebenbürtig empfangen. Sie sind unsere Brüder und Schwestern.“ Seine Worte strahlten förmlich vor Überzeugung, doch die Steinformer ließen sich nicht mitreißen.

 

Ohne eine Regung in ihren Mienen hatten die sieben Ratsleute meinen beiden Freunden zugehört. Nun schien jeder für sich darüber nachzudenken. „Demnach haben die Feuerzwerge bei euch einen mächtigen Eindruck hinterlassen. Doch wie sollen wir mit ihnen umgehen, sollten ihre Gefühle mit ihnen durchgehen? Das handhaben zu müssen, fühlt sich an wie der Sprung hinein in einen Vulkan. Ich habe Bedenken.“, wagte der Magus eine erste Einschätzung. Rima stellte dann die entscheidende Frage: „Könnt ihr ein friedliches Treffen in der Stadt der Ahnen garantieren, wenn die Feuerzwerge daran teilnehmen?“ Wir nickten und Gimal antwortete: „Wir haben König Garon kennengelernt. Er ist ein weiser, gefestigter Mann und seine Frau ist eine Gelehrte. Sicher kann es beim Treffen zu Streitigkeiten kommen, aber Gewalt können wir ausschließen. Wir bieten uns gern als Schlichter an, sollten sich die Gespräche als problematisch erweisen.“, bot er diplomatisch an. Damit hatte er ganz in meinem Sinne gesprochen und ich dankte ihm still. Der Rat der Steine zeigte sich damit vorerst zufrieden.

 

„Wie sieht die Situation bei den Wissenden aus?“, wollte Faruba nach einer Weile wissen und hakte nach: „Zwei von ihnen gehören doch zu eurer Gruppe. Wie sollen wir das einordnen?“ Nun ließ ich Olthek berichten, was damals in den Kallâ Atâr geschehen war. „Drei versiegelte Türen schützen den Zugang zu den Kalten Tunneln der Wissenden. Ihre Anführer hatten bereits bei der Ansiedlung des Clans beschlossen, sich in eine Steingestalt zu versetzen. Rognil und Spinella konnten sich, zum Teil mit der Hilfe von Foret, Daril und mir, aus der Starre befreien. Seitdem gehören sie zu uns.“ Mit einem hilfesuchenden Blick bat er mich, fortzufahren. „Wir fanden heraus, dass Großmagister Zilkon und der Chronist Belgir mit ihren Ratsleuten beschlossen hatten, den gesamten Clan in Tiefschlaf zu versetzen, um die zwergische Kultur in ihrem Sinne zu bewahren. Ihre Siedlung ist kalt und leer und stimmte mich traurig. Ich weiß noch nicht, wie wir mit ihnen umgehen sollen, wenn es uns möglich ist, sie aus ihrer Kristallform zu holen. Ich muss gestehen, dass ich lieber einer Konfrontation mit Garon gegenüberstehen würde, als mit Zilkon. Doch bin ich der Überzeugung, dass wir den gesamten Clan der Wissenden wecken müssen, um unserem Volk einen ehrlichen Dienst erweisen zu können. Was die Zukunft bringen mag, kann ich nicht wissen, aber ich wünsche mir, dass alle Zwerge wieder ein erfülltes Leben führen können.“, stellte ich den Anwesenden meine Gedanken dar.

Ich schnaufte durch und nahm noch einen großen Schluck aus dem Bierkrug.

 

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