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64. Beständigkeit

Ein kunstvoll angelegter Steingarten mit Wasserkanälen und einem runden Platz. Dahinter eine Tribüne im Fels.
Der Versammlungsplatz des Rates der Steine in Bazanu'abban.

Der Lorenzug fuhr tiefer in den Berg hinein, wobei das milde Leuchten der Kristallader angenehmes Licht spendete. Je tiefer und weiter wir kamen, umso schöner war der Tunnel anzusehen. Die Gleise ruhten auf hellbraunen Holzschwellen, die durch Stahlzapfen mit dem Felsuntergrund verankert waren. Links davon war ausreichend Raum, um neben den Loren herzugehen. Der Rundbogen des Tunnels wurde immer glatter, bis sich auf dem letzten Stück der Fahrt das Licht in der polierten, grau gesprenkelten Gesteinsoberfläche spiegelte.

Das Doppelgleis lief in einer freundlichen, hellen Höhle aus, wo Gimal sanft vor dem Prellbock abbremste. Der Hohlraum, in dem wir ankamen, war nicht viel mehr als eine natürliche Felsspalte, die sich schräg von oben durch das Bergmassiv erstreckte. Auf der ansteigenden Seite sah ich, dass Wege und Öffnungen terrassenartig angelegt waren, sogar Bäume wuchsen auf dem gestuften Hang. Die Architektur, die sich unaufdringlich an die gegebene Felsstruktur schmiegte, zog mich direkt in ihren Bann.

 

Nachdem die Geräusche der Loren verklungen waren und alle ihre Sachen aufgenommen hatten, hörte ich einen Wasserlauf plätschern, der im Zickzack die Stufenterrasse entlanglief und die Begrünung versorgte. Vor uns floss das Wasser durch ein kunstvoll gestaltetes Steinbecken ab.

Ich nickte Gimal zu, als er fragte: “Sollen wir direkt zum Rat der Steine gehen? Der Versammlungsort befindet sich auf halber Höhe der Steinernen Gärten.” Wir schauten hinauf und ich konnte einen breiten Einschnitt im Hang erkennen, der von Weitem wie eine Bühne wirkte. Gemächlich erklommen wir die Stufen, die links und rechts der Stadt als breite Treppen nach oben führten. Sie verbanden die einzelnen Ebenen fußläufig. Wie Gimal während des Marsches berichtete, gab es auch Lastenaufzüge zwischen den Etagen, um die Waren dazwischen einfach zu transportieren. Allein die Architektur der Stadt unterschied sich sehr von den bisher bereisten Zwergensiedlungen. Einzig, dass die Wohnräume und Werkstätten in den Fels hineingebaut waren, sah ich kaum Ähnlichkeiten zu den Agâr’ursul oder dem Hartfels. An das elfisch geprägte Amon Calen war dabei gar nicht zu denken, auch wenn die Bäume und Pflanzen eine kleine Verbindung zuließen.

 

Staunend stiegen wir Stufe um Stufe höher, bis Gimal auf dem Platz stehenblieb, der von unten wie ein waagerechter Felseinschnitt aussah, den man als Bühne interpretieren konnte. Es handelte sich aber um ein hübsch angelegtes Gelände, das am besten mit einem Park zu vergleichen war. Innen, nahe der hinteren Felswand, sah ich einen kreisrunden, gepflasterten Platz, auf dem Steinbänke standen. “Das ist der Versammlungsplatz des Rates. Sie werden gleich bei uns sein. Diese Steine hier geben einen Resonanzton ab, der die Ratsmitglieder darüber in Kenntnis setzt, wenn jemand den Steinkreis betritt.”, erklärte unser einheimischer Gefährte.

Die Stille des Ortes lud zum Durchatmen ein und ich ließ mich auf einer der Bänke nieder.

 

Im dunkelgrauen Diorit der abschließenden Wand des weitläufigen Überhangs erschienen mit violettem Schein die Umrisse eines Durchgangs, der sich kurz darauf öffnete. Ein Zwerg schritt aus dieser Tür hinaus und auf uns zu. Unter der weiten Robe trug er ein schlichtes Hemd und eine derbe Hose mit Lederbesatz an den Knien. Seine Wangen wirkten faltig, rau wie gewachsener Fels, aber die bernsteinfarbenen Augen schauten wach und neugierig. Ein dunkler Vollbart und ein langer Zopf auf dem ansonsten kahlen Haupt vervollständigten seine Erscheinung. Der Mann nickte uns freundlich an, als er auf den runden Platz kam. "Gimal hat euch also zu uns gebracht.", stellte er mit leiser, aber sicherer Stimme fest. "Der Junge ist seinem Herzen gefolgt, womit er das einzig Richtige getan hat.", erklang eine andere Stimme in der Mitte des gepflasterten Runds. Wie Sand rieselte es von unten hervor, woraus sich die Form eines Zwergs bildete.

 

Von der Terrasse her lief ein weiterer Zwerg in unsere Richtung. Er trug eine Art Ledergeschirr am Leib, in dem Werkzeuge hingen, die bei jedem Schritt, den er näherkam, lauter klapperten. Ein bartloses Gesicht und Spitzen auf dem Kopf, die wie dunkle Tropfsteine aussahen, verhalfen dieser Person zu einem markanten Aussehen. "Ich habe mich beeilt.", sagte sie in einem hohen Ton und japste. Es polterte, als sich hinter der Frau schimmerndes Gestein auftürmte und ein Steinformer erschien, der Ähnlichkeiten mit Gimal aufwies. Sein Körper sah vollkommen versteinert aus, aber er bewegte sich flink. Durch seine unebene Haut zogen sich Linien, die wie unterschiedliche Erzadern anmuteten. Aus ihm heraus grollte es, als er bei seinen Clanbrüdern seinen Platz einnahm. "Ich bin nun hier. Was ist der Grund dieser Versammlung?", vernahm ich undeutlich seine Frage. Der Sandzwerg zeigte auf Gimal und mich, worauf der Erzene nickte.

 

Interessiert hatten wir der Ankunft der Ratsmitglieder beigewohnt. Noch fehlten drei von ihnen, aber die Frau mit den Werkzeugen räusperte sich und sagte: “Ihr seid also die Zwerge, die den Ursprung neu beleben wollen.” Das war keine Frage, sondern eine nüchterne Feststellung. Im Halbkreis stellten wir uns vor den vier sehr unterschiedlichen Wesen auf und betätigten das Gesagte mit entschlossenem Nicken. Zuerst fasste Foret sich ein Herz und meinte: “Es ist eine Schande, dass unser Volk sich so weit verstreut hat und über diese lange Zeit kein direkter Kontakt zueinander bestand. Wir möchten allen Clans die Möglichkeit für einen Austausch bieten, und zwar in der alten Heimat. Ich bin Foret, Sohn des Tumnil.” Aus dem erzenen Zwerg des Rates heraus rumpelte es, als würde eine Lawine vom Berg stürzen. “Ja, lange war jeder Clan nur mit sich selbst beschäftigt. Es fehlte der Anstoß, sich um ihre Brüder und Schwestern zu sorgen. Auch wir haben die Wege, die unsere Altvorderen zwischen den Siedlungen gebaut hatten, sträflich vernachlässigt. Usím ist mein Name, Kind von Birek.” Der Zwerg in der Robe schloss an: “Als uns gewahr wurde, dass der Bewahrer erwacht ist, begannen wir damit, die Tunnel, die wir während der letzten zwei Generationen weniger genutzt hatten, zu kontrollieren und zu erneuern. Ich glaube, das ist euch aufgefallen. Nilos, Kind von Sota, bin ich.”

 

“Gimal hatte uns bereits einiges erklärt, als er an uns herantrat. Ich bin froh, dass ihr uns damit das Reisen erheblich erleichtert habt.”, bedankte ich mich. “Ich bin Daril, Sohn des Redin, den man als Bewahrer bezeichnet.”, stellte ich mich nun vor und erntete zustimmendes Nicken. “Das wurde auch Zeit. Endlich seid ihr bei uns.”, erklang hinter mir eine sanfte, aber kräftige Stimme. Eine Frau umrundete meine Gefährten und mich. Sie kam vor uns zum Stehen und lächelte in die Runde. Sie trat selbstbewusst auf und sprach weiter: ”Man nennt mich Faruba, Kind Kelons. Ihr seid schon einige Zeit unterwegs, Bewahrer. Wie ich sehe, habt ihr Vertreter aller Clans um Euch geschart. Beachtlich!” Sie trug ein schlichtes, bodenlanges Kleid aus hellgrünem Gewebe. Ein langer blonder Zopf lag über ihrer rechten Schulter und der interessierte Blick aus ihren grauen Augen taxierte jeden von uns mehrere Augenblicke lang.

“Seine Taten sprechen für ihn. Daril übt sich stets in Zurückhaltung, obwohl er seine Ziele im Auge behält. Ich halte Foret, Rognil und ihn für wundervolle Zwerge. Wir folgen ihnen nicht, sie sind unsere Freunde.”, entgegnete Spigna etwas verbissen. Faruba nahm das mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis.

 

Ich überlegte kurz, wie ich die Vertreter der Steinformer ansprechen sollte und fuhr mit meinen Fingern durch meinen Bart. ”Ihr wisst bereits viel über uns, das hatte ich erwartet. Eure Augen und Ohren im Fels haben uns sicher über die letzten Jahre hin und wieder wahrgenommen.”, begann ich mich heranzutasten. “Mir war nicht entgangen, dass der Reisetunnel zwischen Sajranzizar und Danakh’abad während unseres Aufenthaltes bei den Händlern von euch repariert wurde. Mich hatte das damals sowohl überrascht, aber ebenso beruhigt. Danke dafür. Wie sehen die Pläne dazu aus, alle Tunnel wieder benutzbar zu machen? Wir erlebten vielerorts, dass ganze Abschnitte nicht passierbar waren, ob mit den Loren oder auch nur zu Fuß. Das Wegenetz muss wiederhergestellt werden, bevor wir die Clans zu einem Treffen nach Takal Dûm rufen können.”, legte ich meine Motivation den mir noch fremden Zwergen offen vor.

 

“Das ist richtig, Bewahrer. Doch wir benötigen Hilfe bei diesem Vorhaben. Am geeignetsten erachten wir die Erzformer, weil sie über das nötige Wissen verfügen, um das Schienensystem und die dazugehörige Technik zu warten und auszubessern. Vielleicht könnten auch die Druiden einen Beitrag leisten, an jenen Stellen, wo die Natur unsere Tunnel vereinnahmt hat. Wenn wir alle zusammenarbeiten, sollten die Verkehrswege bald wieder in vollem Umfang nutzbar sein. Inwieweit wir Hilfe von den Händlern, Feuerlenkern und Wissenden erwarten können, das ist unklar.”, beleuchtete die Ratsfrau mit dem Werkzeugharnisch den Stand der Dinge. “Ach so, ich bin Barith, Kind Jorns.”, nannte sie noch ihren Namen.

“Als Vertreter der Wissenden kann ich euch sagen, dass es schwierig sein wird, meinen Clan zur Mithilfe zu motivieren. Sie existieren als Kristalle fort und werden sich nur schwer davon überzeugen lassen, ihre Starre aufzugeben. Für Spigna und mich war es ein Glücksfall, dass Foret, Daril und Olthek uns in den Kallâ Atâr aufwecken konnten.”, erklärte Rognil das Problem seines Clans. Rybor trat hervor und sagte: “Der König der Feuerzwerge ist ein vorsichtiger Mann. Er kennt die Geschichte unseres Clans sehr gut und will nicht, dass wir erneut ins Abseits gedrängt werden. Die Vergangenheit ist uns zur Mahnung geworden. Die uns innewohnende Kraft ist uns bewusst und wir haben in der langen Zeit gelernt, sie besser zu beherrschen. Meine Gefährten konnten den Herrn meines Clans davon überzeugen, dass ein unverbindliches Treffen ein Anfang für eine Annäherung sein kann. Mehr kann man von uns nicht verlangen.” Damit machte er die Haltung der Feuerzwerge klar, die ohne Widerwort akzeptiert wurde.

 

"Ich frage mich, ob wir Hilfe von den Händlern erhalten könnten.", sprach Pelok seinen Gedanken aus und redete weiter. "Die Ernährer sind bestimmt mit dabei, sobald die Bahnstation verlegt wurde. Mit den Goblins in der Unterstadt ist es einfach zu gefährlich, die alte Anlage zu benutzen.", kam er mir zuvor. Daher stieg ich erneut in das Gespräch ein: “Es wird sinnvoll sein, deinen Clan daran zu beteiligen. Bei den Händlern bin ich mir nicht so sicher.” Imus nickte daraufhin und meinte: “Das denke ich auch. Meine Leute müssen sich nach der Sache mit dem Schattenkartell erst ihre eigenen Probleme lösen. Ich weiß, dass ich daran nicht ganz unschuldig war, doch ich bin hier, nicht in Sajranzizar.” Der ehemalige Ratsherr des Händlerclans hatte Recht. Somit musste eine Hürde nach der anderen überwunden werden, um in Zukunft mit allen Clans gemeinsam neue Wege gehen zu können.

Die Ratsmitglieder nickten. "Wir werden darüber nachdenken und besprechen, wie wir vorgehen wollen. Danke für eure Beiträge. Morgen zur Mittagszeit erwarten wir euch hier für ein weiteres Gespräch.", teilte der Sandzwerg mit. Seine Gestalt fiel nach den Worten in sich zusammen und rieselte durch die Pflastersteine davon. Die anderen Steinformer gingen ihrer Wege, wobei Barith, die Technikerin, noch winkte.

 

"Das klingt nach einem akzeptablen ersten Kontakt.", sagte Olthek und Foret bestätigte das: "Sie haben zwar keine eindeutigen Zusagen gemacht, aber sie hörten sich an, was wir zu sagen hatten. Warten wir ab." Nun wandten wir uns wieder Gimal zu, der etwas unschlüssig zwischen uns stand. "Wir müssen noch eine Weile hierbleiben. Suchen wir eine Herberge und erkunden die Stadt. Ich bin neugierig, wie die Zwerge hier leben.", schlug Khûna vor, die in die Runde lächelte.

Gimal führte uns zu den Stufen, setzte sich auf den polierten Handlauf auf der Außenseite und rutschte hinab. Etwas belustigt taten wir es ihm nach und glitten zwei Ebenen tiefer.

Mit den Füßen bremste Gimal seinen Schwung, stand auf und half uns grinsend, von der Rutsche abzusteigen. “Neben der anderen Treppe fließt der Wasserlauf herunter. Es hat sich so eingewöhnt, dass wir hangauf immer den rechten Stufengang benutzen, hangab die von unten gesehen linke Seite, um hinunter zu gelangen. Dabei sind die Rutschen ganz nützlich.”, erklärte er, als alle angekommen waren.

 

Von oben her wurde es mit einem Male dunkler in der Felsspalte, die im Gestein eingebetteten Salzkristalle sorgten mit ihrem orangen Schein weiterhin für Licht. Auch einige Blüten in der Bepflanzung der Terrasse sandten sanftes Licht aus. Wir folgten Gimal, der voran ging und einem Tor im Fels entgegen strebte, das einen Spalt breit offen stand. Ein faltiges Gesicht beobachtete, wie Gimal den Eingang aufschob und lächelte ihn an. “Gut, Junge, dass du wieder da bist. Ich hatte den Ruf vernommen, aber wollte lieber hier auf euch warten.”, sagte der alte Mann, dessen derbe Stoffhose schmutzig von Erde und Schweiß war. Er drehte sich um und tappte durch die Halle, in der mehrere Reihen von Trögen standen, in denen Pflanzen wuchsen. Mit einer kleinen Schaufel kümmerte er sich nun um einen der Kübel und setzte Stecklinge in die duftende Erde. Um das Hochbeet herum stellten wir uns auf und sahen zu, was er tat, bis Gimal den Alten in die Arme nahm. “Ich freue mich auch, dich zu sehen, Fumir. Lange bin ich fort gewesen.”, begrüßte er den Gärtner wie ein Familienmitglied, dann drehte er sich zur Gruppe um und erklärte: “Auch Fumir gehört zum Rat der Steine und er hat mich aufgezogen. Er ist der Bruder meines Vaters.” Der Onkel unseres Freundes goss das junge Pflänzchen noch an, ehe er sich uns zuwendete.

 

“Mir sind die Treppen zu mühsam geworden. Ich muss jedes Mal hinaufrennen, wenn wer den Rat sprechen will. Die anderen können das ebenso gut.”, erklärte er seine Abwesenheit beim ersten Treffen und fuhr mit der schmutzigen Hand durch seinen ungepflegten Bart. “Danke, dass ihr auf den Jungen aufgepasst habt. Wart ihr auch bei Leggurd in den Minen? Ach, mein Bruder … so lange ist das schon her.”, redete er etwas verworren mit uns. “Mutter wollte nicht, dass er geht, aber Leggurd wollte einen Beitrag für die Gemeinschaft leisten und wurde zum Leiter des Minentrupps. Als er nicht zurückkam und wir die Nachricht vom Unglück erhielten, weinte sie viele Tage.”, verloren in seinen Gedanken traten Tränen in die Augen des Alten. Gimal drückte ihn noch einmal und sagte leise: “Ja, Onkel, ich habe meinen Vater besucht. Meine neuen Freunde haben mich dabei begleitet. Sie sind gute Zwerge.” Das Gesicht Fumirs erhellte sich und er zeigte ein zufriedenes Lächeln. “Dann kannst du deine Reise an der Seite des Bewahrers fortsetzen. Möge der Schmiedevater euch gewogen sein.”, sagte er gerührt zu Gimal. Mit einem ehrfürchtigen Nicken verabschiedeten wir uns nacheinander von dem greisen Zwerg.

 

Ein Stück weiter auf jener Ebene der Terrasse klopfte Gimal an eine hölzerne Tür. “Tretet ein und nehmt Platz!”, rief es von drinnen und wir kamen dem nach. Der Raum sah recht gewöhnlich für eine zwergische Wirtschaft aus, denn ein breiter, verzierter Tresen sowie stabile Sitzbänke und Tische bestimmten die Einrichtung. Die Frau, die uns herein gebeten hatte, räumte gerade Krüge aus Steingut in einen Schrank hinter der Theke, unter dem drei große Fässer mit Zapfhähnen aufgebockt standen. “Pila, meine Freunde und ich benötigen für zwei Nächte eine Unterkunft. Hast du Platz?”, fragte Gimal die überrascht dreinblickende Frau in vertrautem Ton. Sie lachte erfreut und meinte: ”Natürlich! Ihr könnt es euch oben bequem machen. Viele der Arbeiter sind in den Tunneln unterwegs, um sie auszubessern. Es ist schön, dich zu sehen, Gimal. Du warst also erfolgreich?” Er nickte der Zwergin mit den kurzen schwarzen Haaren zu und meinte: “Ja, das sind sie und ich gehöre zu den Gefährten des Bewahrers. Es fühlt sich gut an, dabei zu sein.” Seine ehrliche Freude darüber war unverkennbar und die Wirtin freute sich mit ihm.

 

Wir gingen im hinteren Teil des Raumes einige Stufen hinauf, die aus dem Fels gehauen waren. Sie mussten schon älter sein, denn es zeigten sich bereits typische Spuren einer langen Nutzung. Das Gestein glänzte im spärlichen Licht und die Trittflächen waren ausgetreten. An die Treppe schloss sich ein kurzer Gang an, der mit hellen, rechteckig zugeschnittenen Kalksteinen ausgekleidet war, an dessen Ende ein System von Fluren und Kammern tiefer in den Fels hineingetrieben worden war. “Hier wohnen die Tunnelarbeiter, wenn sie in der Stadt sind. Ich gehörte zu ihnen, bis ich mich euch anschloss. Wie ihr Pila gehört habt, sind die meisten von ihnen unterwegs und wir können uns hier einquartieren. Ich bin von Kindesbeinen an gut mit ihr befreundet und hatte ihr davon erzählt, dass ich euch finden und mit euch gehen will.”, gestand Gimal ernst und führte uns noch ein Stück weit durch die Gänge, bis er stehenblieb und sagte: “Hier hatte ich eine Zeit lang gewohnt. Die Kammern bieten Platz für sieben Zwerge, ähnlich den Kasernen in Ubâr Dûm und den Agâr’ursul. Wir können uns auf zwei oder drei Räume aufteilen und etwas ausruhen, bevor wir zum Essen gehen. Pila wird uns benachrichtigen, sobald es etwas gibt.”

 

Das hörte sich durchdacht an und wir bezogen die Zimmer. Khûna, Pelok, Olthek und Spinella gingen in die linke Kammer, während Imus, Gimal und Rybor durch die Tür rechts von mir traten. Ich bezog also mit Foret und Rognil die Stube zwischen unseren jüngeren Freunden. Die Einrichtung war schlicht und funktional, typisch für unser Volk und erinnerte mich mehr an den Schlafraum im Rasthaus, durch das Hyrasha und ich einst Takal Dûm betreten hatten. Zum Liegen gab es hier Nischen, die in den Fels geschlagen waren. Frisches Wasser plätscherte durch eine Rinne in der rechten hinteren Ecke und verschwand gluckernd in einem Ausgussloch.

Ich lockerte den Riemen meines Ranzens, nahm ihn vom Rücken und streckte mich. Müdigkeit überkam mich, daher ließ ich mich einfach auf das gepolsterte Lager nieder und machte es mir bequem. Mit geschlossenen Augen atmete ich tief durch, dabei hing ich ein wenig meinen Gedanken nach.

 

Mir wurde klar, dass die Reise, die ich einst allein angetreten hatte, ihrem Ende näher kam. Noch gab es viele Aufgaben zu bewältigen, doch die Rückkehr nach Takal Dûm stand außer Frage. Dort würden Linnarhan und Hyrasha auf unsere Ankunft warten und mir war noch nicht klar, wie es ab dem geplanten Treffen der Clans weitergehen würde. In mir regte sich der Wunsch, nach den Uberts zu sehen, bevor ich womöglich für den Rest meiner Lebenszeit bei meinem Volk blieb, an der Seite meiner elfischen Ehefrau.

 

Ein sphärisches Läuten weckte mich aus meinen Gedanken, das sich anhörte wie das Schlagen vieler kleiner Glocken im Wind. Gimal kam zu uns und erklärte das Geräusch: “Es gibt Essen. Pila hat das Signal durch die Resonanzsteine der Herberge geschickt. Wollen wir gehen?” Mein Bauch grummelte bereits und ich nickte beim Aufstehen. Auf dem Flur vor den Türen fanden wir uns zusammen und gingen gemeinsam zurück zum Schankraum.

 

Auf der Theke befanden sich nun mehrere Schieferplatten, reichhaltig befüllt mit den unterschiedlichsten Dingen wie Käse, Wurst, frischem und gegartem Gemüse und auch Früchten. Pila und ein anderer Zwerg, der einen langen, doppelt geflochtenen Bart trug, füllten bereits mehrere Krüge mit einem köstlich duftenden Bier. Die Schaumkronen hatten die Farbe von Sahnekaramell und ließen mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

An einem der Tische saßen schon einige Steinformer, die den Wirt beim Bierzapfen anspornten. “Noch einen Krug, Atbir! Bring auch einen Met mit, wir haben Durst!”, grölte einer von ihnen, dessen Haut grobkörnig wie Sandstein aussah. Gimal lachte und rief: “Feril! Was machst du denn hier? Ich dachte, ihr wolltet die Tunnel nach Sajranzizar reparieren.” Der angesprochene Zwerg blickte auf und winkte uns alle mit einladender Geste zu sich heran. “Da muss jetzt erst der Räumtrupp ran, wir haben bis dahin ein paar freie Tage. Wie ich sehe, hast du Begleitung gefunden. Kommt, setzt euch!”, sprach der Tunnelbauer.

 

Gemeinsam mit den Steinformern aßen und tranken wir, erzählten von unserer Reise und unserer Ankunft in ihrer Stadt. Während der angeregten Unterhaltung setzten sich auch Pila und Atbir zu uns und lauschten. Wir wollten nach der letzten Runde Bier unsere Nachtlager aufsuchen, doch von draußen erklangen Stimmen, die eine ruhige, getragene Melodie summten. “Das solltet ihr euch vielleicht ansehen.”, sagte Feril und erhob sich. Wir folgten ihm auf den Absatz der Terrasse hinaus und wurden sofort in eine unwirkliche Szene versetzt. Vom Boden der Felsspalte kamen Zwerge auf beiden Treppen hinauf, einer hinter dem anderen. Jeder hielt einen leuchtenden Kristall in den Händen und sie begannen zu singen. Die Worte klangen alt, die Melodie war mir nicht fremd und doch war diese Erfahrung neu für mich.

 

“Wo tief im Stein der große Vater wacht

Über die Schmiede, deren Feuer er entfacht.

Einsam steht er, schwingt den Hammer

In der fernen heiligen Kammer.

Schlägt im Takt, formt das Metall

Und seine Kinder schlafen überall.”

 

Ehrfürchtig flüsterte Gimal neben mir: “Das Nachtlied des Schmiedevaters.” In meiner Kindheit in Takal Dûm hatte ich es zuletzt gehört, vor einer ganzen Ewigkeit. Vor Rührung liefen mir salzige Tränen über die Wangen. Das hatte ich nicht erwartet. Die bunten Lichter der Prozession zogen den Hang hinauf und an uns vorbei. Wir verabschiedeten uns von den neu gewonnenen Freunden in die Nacht, dann machten auch meine Gefährten und ich uns auf zu den Unterkünften. Im Vorbeigehen wünschten wir auch den Wirtsleuten eine gute Nacht.

Müde, aber glücklich und beruhigt, schlüpfte ich nach der Abendtoilette unter meine Decke und schlief recht schnell ein.

 

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