Das unsichere Gefühl, das seit der Ankunft in Ubâr Dûm durch meinen Kopf geschlichen war, verschwand allmählich, nachdem wir mir bekannte Gänge betreten hatten. Die Waschräume hinter der großen Küche standen offen, aber niemand war zu sehen. Pelok strebte voran, der Kommandantur entgegen, um Ulgra aufzusuchen. Sie befand sich nicht in ihrer Wachstube.
Der junge Versorger führte nun die Gruppe durch die Tunnel seiner Heimatstadt. Mit einem versonnenen Lächeln beschleunigte Pelok seine Schritte und bald erblickten wir das warme Licht der Leuchtbeeren an der Decke der Haupthöhle. Ohne zu zögern überquerten wir den weiten Platz und hielten vor dem Ratsgebäude an. Foret klopfte beherzt an die schwere Tür, die sich kurz darauf öffnete. Ein bekanntes Gesicht streckte den lockigen Kopf heraus und Maika staunte nicht schlecht, als sie ihren Bruder, Foret und mich erkannte, die ihr entgegengrinsten.
"Pelok!", rief sie erfreut, stürzte förmlich aus der Türöffnung und fiel ihm um den Hals. Nachdem sie zur Ruhe gekommen war, sagte sie: "Schön, dass ihr wieder hier seid. Kommt herein, ich benachrichtige die Ältesten." Ihre Schritte klackten laut über den polierten Steinboden, als die junge Ratsgehilfin uns hineinbat. Sie wies uns an, im Vorraum zu warten.
Ein kurzes Gespräch sollte mir Recht sein, denn allzu lange wollten wir nicht in der Stadt der Ernährer bleiben. Ich mochte die abwägende und genügsame Art der Zwerge Ubâr Dûms, doch manchmal war es nötig, auch schnelle Entscheidungen zu treffen.
Auch hier beabsichtigte ich, für eine Nacht auszuruhen und den weiteren Weg beim nächsten Frühstück zu besprechen.
Wir mussten uns nicht lange gedulden, bis Maika die Tür zum Ratssaal aufschlug und uns einließ. Auf den erhöhten Stühlen saßen die sieben Ältesten von Ubâr Dûm, doch Kulos Platz hatte Glondil, Peloks Altmeister, eingenommen. “Willkommen zurück in Ubâr Dûm, Herr Daril, Sohn des Redin. Wir haben euch nicht vergessen und sind umso erstaunter, wie sehr eure Gemeinschaft doch angewachsen ist. Gern sorgen wir für eure Beherbergung.”, begrüßte uns der neue Vorsitzende des Ältestenrates der Ernährer. Salis, der älteste Pilzgärtner, nickte. “Zu unser aller Bedauern verlosch vor einiger Zeit Kulos Herz. Ihr könnt ihn gern im Gedenkgarten besuchen.”, teilte er traurig mit. Kulos Tod stimmte mich melancholisch, auch bei Pelok und Foret nahm ich die Anteilnahme wahr. Niemand sonst in der Gruppe hatte den ehemaligen Ältesten gekannt, aber sie alle verhielten sich würdevoll.
Ich war mir sicher, dass Glondil sein neues Amt gewissenhaft ausfüllen würde. Meine Erinnerung an ihn und seine Nichte waren in mir frisch geblieben.
“Danke sehr für die Begrüßung. Vom Tod des Ältesten Kulo zu hören berührt mich schmerzlich. Ich möchte daher gern den Gedenkgarten besuchen und sowohl ihm als auch allen anderen vergangenen Zwergen gedenken.”, reagierte ich und nahm damit das Angebot an. “Unsere Gefährten stellen sich gern selbst vor.”, gab ich das Wort an meine Freunde weiter, die nacheinander ihren Namen und ihre Herkunft nannten. Beeindrucktes Geraune ging dabei durch den Saal, ergänzt um wohlwollendes Nicken aller Ältesten.
Glondil überlegte laut: “Ihr seid zu zehnt. Wie soll ich euch nur angemessen unterbringen?” Foret meldete sich. “Wir könnten die alte Kaserne bei Ulgras Kommandantur nutzen. Das reicht vollkommen.”, schlug er pragmatisch vor. Die Ratsmitglieder nickten. “Wir lassen die ungenutzten Stuben für euch herrichten. Ein guter Einfall.”, bestätigte Hamit, der Bierbrauer. Der Zwerg mit der auffälligen Narbe im Gesicht lachte kurz und meinte: “Ich kümmere mich persönlich darum, dass ihr dort übernachten könnt.” Er nickte noch einmal entschlossen und erhob sich. Der Älteste Salis verkündete, während seine Ratskollegen sich wieder ihren Aufgaben zuwenden wollten: “Beim Abendessen müsst ihr uns aber erzählen, was ihr in der Zwischenzeit erlebt habt!” Dann schloss Glondil die eilig einberufene Ratssitzung, indem er den Hammer des Ratsvorsitzenden dreimal auf den Tisch schlug und verabschiedete sich für den Augenblick. Maika hielt die Tür für uns offen und wechselte dabei mit Pelok noch ein Wort.
Mich zog es nach dem Treffen mit den Ältesten zum Gedenkgarten von Ubâr Dûm und bat Pelok darum, uns dorthin zu bringen. In loser Zweierreihe schritten wir durch die Stadt, wo uns die neugierigen Blicke der Bewohner trafen. Manche von ihnen winkten uns freundlich, als sie Pelok, Foret oder mich erkannten. Bald erreichten wir den Totenhain, der in einer etwas abseits gelegenen Höhle angelegt worden war. Die versteinerten Überreste der verblichenen Zwerge verteilten sich Statuen gleich über die gesamte Kaverne, die in bläuliches Licht getaucht war. Pilze und Farne wuchsen auf den freien Flecken; Moose reckten sich über die ältesten der versteinerten Zwerge. “An dieser Stelle finden die ehemaligen Ratsleute ihre letzte Ruhe.”, sagte Pelok leise und blieb stehen. Ich sah mich um und entdeckte den Versorger zwischen zwei anderen Zwergen, die wohl Kulos Amtsvorgänger gewesen waren. Seine Gesichtszüge wirkten zufrieden und mit einem wehmütigen Lächeln verabschiedete ich mich still von ihm, der damals so ausgelassen mit Foret und mir gefeiert hatte. Ich nickte in die Runde, was für alle das Zeichen für den Rückweg war.
Bevor wir unser Quartier bezogen, wollte ich noch die Herberge besuchen, in der wir bei unserem letzten Aufenthalt gelebt hatten. Womöglich arbeitete Lopa, Glondils Nichte dort, die ich begrüßen wollte. Diese Stadt weckte viele Erinnerungen an die Zeit, die wir hier verbracht hatten. Auf dem erneuten Weg über den Stadtplatz hatten sich noch mehr Leute versammelt, die uns grüßten. Manche riefen sogar nach Foret, Pelok und mir.
Foret blieb stehen und hob die Arme. “Wir essen heute Abend gemeinsam mit dem Ältestenrat. Seid dabei, dann erzählen wir euch alles!”, rief er und erntete lauten Beifall.
Lopa befand sich tatsächlich in der Herberge. Gerade reinigte sie den Tresen, als wir eintrafen. “Welche freudige Überraschung! Kann ich euch etwas anbieten?”, grüßte sie uns pflichtbewusst. “Zu einem belebenden Kräuteraufguss sagen wir nicht Nein.”, übernahm diesmal Rybor die Antwort, der sich seit unserer Ankunft interessiert umgeschaut hatte. Wir nahmen Platz und warteten geduldig auf das Getränk, das die junge Versorgerin uns nach einer Weile in einer großen Bronzekanne auf den Tisch stellte, dazu brachte sie tönerne Becher, die sie verteilte. Pelok lächelte breit, als Lopa ihn dabei kurz umarmte. “Du siehst irgendwie erwachsener aus.”, stellte sie fest und freute sich sichtlich. Der junge Zwerg verzog ein wenig das Gesicht, aber kicherte leise. Khûna sprach die Einheimische an: “Wäre es möglich, dass uns jemand benachrichtigt, sobald wir das Quartier beziehen können?” Lopa nickte knapp, Khûna spielte mit den Fingern an einem ihrer dicken rotblonden Zöpfe und blickte der anderen Zwergin etwas missmutig nach, die auf den Stadtplatz hinausging. Pelok, der neben der Schmiedin saß, nahm sie bei der Hand, woraufhin Khûna sich beruhigte.
In aller Ruhe schenkte ich meinen Gefährten von dem Heißgetränk ein, das mit dem Hopfentee aus Amon Calen vergleichbar war.
“Wir sind hier zu Gast. Als Foret und ich die Ernährer besucht hatten, mussten wir uns beweisen, um von ihnen anerkannt zu werden. Da ihr mit uns reist und Pelok von hier stammt, wird euch Anderen das nicht auferlegt.”, erklärte ich den versammelten Gefährten, die verständnisvoll nickten. Gedankenbeladen regte sich Rognil, der über unseren weiteren Weg sinnierte: “Lasst uns herausfinden, wie wir von hier aus am besten nach Süden kommen. Ich erinnere mich nicht, ob eine direkte Verbindung besteht.” Darauf reagierte Gimal, dessen steingleiche Haut in dem indirekten gelblichen Licht sanft glitzerte. “Von hier aus können wir bis zu den Schimmerminen fahren und dort umsteigen. Das ist nicht der kürzeste Weg, aber der einfachste. Für mich eine Gelegenheit, meinem Vater die Ehre zu erweisen.”, sagte er in einem überzeugenden, aber etwas traurig klingenden Ton. Ich verstand, was er meinte und willigte ein. Olthek bestätigte den Gedanken des Steinformers: “Dann folgen wir morgen den Schienen weiter nach Osten. An Gabil’urdûm vorbei gelangen wir dann in euer Refugium. Du wirst uns bestimmt sicher zu deinen Leuten führen, Gimal.” Alle nickten noch einmal und damit war der Fortgang der gemeinsamen Reise beschlossen. “Um nötige Vorräte kümmern wir uns morgen früh, aber es wäre möglich, Lopa zu fragen, was die Versorger für uns möglich machen können.”, schlug Pelok vor.
Bald kehrte die junge Versorgerin zurück, wobei sie uns bestätigte, dass wir die Räume der alten Kaserne beziehen konnten. Beim Gehen unterhielt sich Pelok noch kurz mit ihr, dann winkte sie zum Abschied und ging wieder ihren Pflichten nach.
Die Stuben nahe Ulgras Kommandantur waren gereinigt worden und ein frischer Duft wehte mir entgegen, als ich eine der Türen aufschlug. In jedem der Räume konnten sieben Zwerge Platz finden, vier davon hatte man für uns herrichten lassen. Wir teilten uns also auf und legten unser Gepäck auf den gepolsterten Steinpritschen ab. Die Tür des Wachraums schlug geräuschvoll auf, dann traten Hamit und Ulgra auf den Gang. “Ah, ihr seid bereits hier, Freunde!”, rief der Bierbrauer erfreut und verabschiedete sich mit den Worten: “Ulgra kümmert sich um alles weitere. Bis später!” Die schwer gerüstete Kommandantin grinste mich diesmal mit ungewohnter Zurückhaltung an. “Ich bin erfreut, dass es euch gut geht. Willkommen zurück.”, begrüßte sie Foret und mich. Aus dem Zimmer nebenan kamen Pelok und Khûna herüber. “Sie sieht ja wirklich fast wie ihre Cousine aus!”, rief die Schmiedin überrascht und hielt sich sofort die Hand vor den Mund. Ich musste daraufhin lachen und alle Umstehenden amüsierten sich ebenfalls, nur Ulgra schaute verwundert. Foret erklärte ihr den Grund der Erheiterung: “Bei den Feuerzwergen lernten wir deine Verwandte Harsabna kennen. Ihr habt den selben Großvater und seht euch sehr ähnlich, die anderen können das bestätigen.” Die Zwergin mit der imposanten Rüstung nahm das mit einem Achselzucken zur Kenntnis, während ihr Blick auf Rybor gerichtet war, der gerade zu uns stieß und erschrak. “Ihr hattet Recht!”, sagte er nur und konnte die Augen nicht von Ulgra lassen.
Auch wenn der Soldat der Feuerzwerge den Großteil seiner Rüstung gegen bequemere Kleidung eingetauscht hatte, sah man ihm seine militärische Natur an. Das Kettenhemd, über dem er eine Lederrüstung trug, reichte ihm bis über die Oberschenkel. Prüfend standen sich die beiden noch einige Momente gegenüber, bis auch Ulgra begann zu lachen. “Ihr habt da einen interessanten Zwerg mitgebracht!”, meinte sie mit einem schelmischen Grinsen. “Wir sehen uns beim Abendessen.”, machte sie uns klar und ging fort. Auf ihrem Weg zur Tür trat Rybor beiseite, um Platz zu machen, dennoch schabten ihre Rüstungen beim Vorbeigehen aneinander. Als Ulgras schwere Schritte verhallt waren, meinte Rybor versonnen: “Eine beeindruckende Frau.” Dabei grinste er verträumt.
Wir richteten uns in den alten Stuben der Kaserne ein, um später eine ruhige Nacht verbringen zu können. Gerade hatte ich meinen Ranzen neben der Pritsche abgestellt, da erschien Maika, die uns zum angekündigten Essen abholte. Peloks Schwester wies uns die Plätze an der erhöhten Tafel des Ältestenrates zu. Den hohen Herren gegenüber sitzend nickten wir dankbar und ich wandte mich an Glondil und seine Amtskollegen: “Vielen Dank für euer Zuvorkommen. Wir haben unsere Quartiere bezogen und freuen uns, mit euch essen zu dürfen.” Salis hob die Hand. “Wir freuen uns einfach, dass ihr uns besucht. Wie wir sehen, geht es Pelok gut bei euch. Eure neuen Gefährten sind sicher auch ehrbare Zwerge, die wir beim Essen gern näher kennenlernen wollen.”
Bald kamen die Versorger mit den dampfenden Schüsseln an den Tisch und trugen die Abendmahlzeit auf, zu der ein leckeres, herbes Bier gereicht wurde. Der Speisesaal füllte sich zusehends, je später es wurde. Die Zwerge Ubâr Dûms wollten von unserer Reise hören, also erzählten wir ihnen, was seit unserem Fortgang aus ihrer Stadt alles geschehen war. Pelok begann mit seinen Eindrücken, als er zum ersten Mal den vollen Mond erblickt hatte. Foret und ich ergänzten uns, als wir bei unserem ersten Halt in Amon Calen angelangt waren. Dann führte Khûna die Erzählung fort und gab bald an Imus ab. Rognil und Gimal berichteten von meiner Hochzeit mit Linnarhan, wo viele Zwerge offen ihre Rührung zeigten. Olthek und Spinella übernahmen die Reise zu den Feuerhöhlen und Rybor berichtete vom letzten Teil unserer Strecke.
Die Bewohner Ubâr Dûms wurden des Zuhörens nicht müde und so mancher Krug Bier musste nachgefüllt werden, bis wir zum Abschluss kamen. Mit Klatschen und dem Klopfen ihrer Krüge spendeten sie uns Beifall und verabschiedeten uns in die Nacht.
Bald lagen wir in unseren Betten und schliefen zufrieden ein.
Gut ausgeruht erwachte ich aus einem angenehmen Schlaf, auch Pelok regte sich bereits. Nur Foret lag noch ruhig wie ein Findling aus Blaubasalt schnarchend auf seiner weich gepolsterten Pritsche. Ich schnappte mir ein Handtuch und ging zu dem großen Waschraum, den ich noch von meinem ersten Besuch her kannte und reinigte mich ausgiebig. Erfrischt zog ich mich an und begann damit, meine Sachen für die Weiterreise zu packen. Dabei wachte Pelok schließlich auf und auch Foret drehte sich. Ich hatte schon Sorge, er würde aus seinem Bett fallen, so plötzlich kippte er von der Seite auf den Rücken.
Nach und nach erwachten all meine Gefährten. Rognil schaute verschlafen zu uns herein und wünschte einen guten Morgen. Bald war die gesamte Gruppe auf den Beinen und bereit für das Frühstück. Wir gingen geschlossen zum Speisesaal und nahmen an einer der langen Tafeln Platz. Lopa und einige andere Versorger waren zur Stelle und fragten nach unseren Wünschen. Nach kurzer Zeit des Wartens deckten sie flink den Tisch nach den jeweiligen Bedürfnissen.
"Sobald ihr soweit seid, könnt ihr euch mit allem eindecken, was ihr für die Reise benötigt. In der Herberge liegt etwas bereit.", informierte Lopa uns. Mit dankbarem Nicken machten wir uns über die Mahlzeit her.
Auf den Tischen und dem Tresen der Herberge lagen frisches Obst und Gemüse, Dauerwurst und Brot, Lederschnüre und Tücher. Wir nahmen davon, was uns taugte und trugen alles zur alten Kaserne, wo jeder sich ein Bündel schnürte und sich für die Abfahrt fertig machte. Als wir uns wieder auf dem Gang zwischen den Stuben trafen, kam uns Ulgra entgegen. “Ich bringe euch zum Ältestenrat, sie wollen sich noch von euch verabschieden.”, sagte sie und wieder fiel ihr Blick auf Rybor, der nickte und sich neben ihr einreihte, als wir ein letztes Mal hinauf in die Stadt gingen.
“Stellt euch darauf ein, dass die von euch vergessene Bahnstation bald näher an den Stadtplatz verlegt werden wird.”, gab Gimal den Ältesten von Ubâr Dûm noch mit, als wir ihnen noch einmal detailliert erklärten, was wir vorhatten. Wenn die Ernährer zur Eisenbinge eingeladen werden, sollte ihr Weg dorthin auch sicher sein. Die Steinformer und die Erzformer würden sich um die Transportwege kümmern, sobald wir mit ihnen gesprochen hatten. Ich war mir dessen gewiss.
Mit einem guten Gefühl und vollen Bäuchen gingen wir noch einmal durch Ubâr Dûm, wo die Leute uns winkten. Maika lief heran, umarmte Pelok und wünschte uns allen Erfolg bei unserer weiteren Reise. Nachdem wir den alten Speisesaal im Untergrund passiert hatten, verhielten wir uns wieder möglichst leise, um die Goblins nicht aufzuscheuchen. Am Zugang zur Bahnstation legte Foret seine Hände auf die steinerne Tür und wir gingen hinunter. Ulgra staunte nicht schlecht, beim Anblick der Höhle mit der Gleisanlage. “Ich werde den Rat von meinen Eindrücken erzählen und sie wenn nötig daran erinnern, dass bald eine Verlegung ansteht.”, versicherte die Kommandantin.
Auch hier überprüften wir im Depot die Loren auf Schäden und stellten jene, die wir für die Herfahrt genutzt hatten, auf den Schienenstrang. Spinella und Khûna befassten sich mit der Steuerkonsole und wählten die Schimmerminen als Ziel aus.
Das Gepäck legten wir wie bei den Fahrten zuvor in die mittleren Waggons, dann verteilten wir uns auf die Sitzplätze. Ulgra löste den Konterhebel und eine weitere Fahrt mit der alten Lorenbahn begann.
Auch diesen Reisetunneln sah man an, dass sie seit langem nicht mehr genutzt wurden. Vor den Steinformern würde viel Arbeit liegen, um die Schienenwege wieder uneingeschränkt nutzbar zu machen. Wie schon auf dem Weg nach Ubâr Dûm mussten wir einige Male Geröll beiseite schaffen, um voran zu kommen. Auch Wurzeln und gelegentlich morsche Gleise behinderten unsere Fahrt.
Dennoch kamen wir unter einigen Mühen wohlbehalten in den Schimmerminen an. Erneut nahmen wir das Gepäck auf und stiegen die Treppe zum Wegstein hinauf, nachdem die Loren in das Depot verbracht waren.
In dem kleinen Rasthaus legten wir die Sachen ab und ruhten ein wenig aus. Spinella erhob sich, trat zu Gimal und bot ihm ihren Arm an. "Ich begleite dich zu den Minen, damit du deinen Vater sehen kannst.", bot sie ihm leise an. Knirschend, wie das Rieseln von Sand, erhob er sich und ergriff ihre dargebotene Hand. Olthek schloss sich den beiden an und folgte ihnen zu der aufgegebenen Mine. Auch Khûna und Pelok gingen ihnen hinterher. Dann standen auch die verbliebenen Zwerge auf und begleiteten Gimal auf seinem Weg. Ich selbst bildete den Abschluss der losen Reihe.
Der versteinerte Körper Leggurds stand noch immer auf dem Sockel des Gedenksteins, auf dem die Inschrift vom Einsturz der Mine berichtete. Damals hatten wir es nicht bemerkt, dass es keine Statue des Steinformers war, sondern er selbst. Tränen rannen Gimal die Wangen herab, die in dem diffusen Licht sanft auf seiner granitenen Haut schimmerten wie das umliegende Gestein, das diesen Höhlen den Namen gab. Still versammelten wir uns um Vater und Sohn und gedachten der Verstorbenen. Foret legte tröstend seine linke Hand auf die Schulter des Kameraden, der einen tiefen Seufzer von sich gab, als er sich aus seiner bedächtigen Starre löste.
Gimal nickte dankbar in die Runde und trat den Rückweg zum Rasthaus an. Spigna und Olthek blieben dabei an seiner Seite, wir anderen folgten nach. Einige Zeit verweilten wir noch, ehe uns die nächste Fahrt nach Südwesten bringen sollte, vorbei an Gabil'urdûm und dem Steinbruch. Dabei musste ich an den Krakonoš, Ziraka und die Uberts denken, denn wir passierten meine zweite Heimat.
Dieser Bahntunnel wurde in Schuss gehalten, womöglich weil die Steinformer in ihrem eigenen Lebensbereich besonders auf den guten Zustand der Anlagen achteten.
Ohne, dass jemand etwas in der Nähe wahrgenommen hatte, bremste Gimal unseren Zug plötzlich ab, bis er zum Stillstand kam. Er entstieg dem ersten Wagen und sah sich kurz um, dann hielt er seine Hand an die Tunnelwand. Kaum sichtbar funkelte orange das Glühen eines Kristalls auf, im Fels bildete sich eine Nische, in der sich ein Hebel befand. Der Steinformer zog daran, was ein Geräusch erzeugte, als würde Metall über Stein reiben. Weiter vorn hatte sich die Schiene ein Stück weit nach links geneigt und hielt auf die Wand des Tunnels zu. "Die Wand ist nun durchlässig, das Gestein nur eine Illusion, um ungebetenen Besuch auszuschließen. Habt keine Angst, wenn wir hindurch fahren.", erklärte Gimal den Vorgang. Dann setzte er sich wieder in die vorderste Lore und löste die Bremse. Der Zug rollte an und hielt auf die Felswand zu.
Genau wie Gimal es beschrieben hatte, kamen wir ungehindert auf der anderen Seite an. Nochmals stoppte er die Waggons und betätigte einen weiteren Hebel, der den Zugang wieder verschloss und das Gleis mit der Strecke verband. Das Glühen in der Wand erlosch. "Ich heiße euch in meiner Heimat, den Steinernen Gärten, willkommen, liebe Freunde. Hier sind wir Steinformer zuhause.", erklärte Gimal stolz und besetzte seinen Platz in der Lore erneut. Der Zug setzte sich in Bewegung.
Eine daumenhohe, gleichmäßige Kristallader durchzog das hellgraue Felsgestein und spendete sanftes Licht, das in angenehmem Orange vor sich hin glomm. Der Zug glitt langsam über die Gleise, was mir ein Gefühl von Erhabenheit vermittelte.








Kommentar schreiben