Rybor und ich stiegen abermals die Stufen zum Saal des Herrschers hinauf. Am Thron standen Garon und Harsabna beisammen. Sie hielten sich bei der Hand und winkten uns, sobald sie uns gesehen hatten. ‚Dieses Abendessen könnte recht informell werden.‘, dachte ich so bei mir. Die anmutige Frau begrüßte uns: „Gut, ihr seid hier. Wir ziehen uns in einen der Nebenräume zurück. Dort sind wir ungestört.“ Ihre langen schwarzen Haare, die zu den Spitzen feuerrot ausliefen, wogten, als sie den Kopf drehte. Erfreut die Gelehrte zu sehen, nickte ich.
Wir folgten dem Paar zu einem kleinen Raum, in dem ein einfacher Steintisch für ein Essen zu viert eingedeckt war. Den Fußboden bedeckten hier einige Teppiche und Felle, was es umgehend behaglicher machte. Auf der anderen Seite des Zimmers sah ich einen Eisenrost, unter dem Magma blubberte. Kochgeschirr stand darauf, das in der Hitze leise vor sich hinklapperte. „Macht es euch bequem.“, bot Garon an, während er zu einem kleineren Tisch ging und von dort die Vorspeisen zum Esstisch brachte. Harsabna rührte währenddessen in den Töpfen und setzte sich dann zu uns. Der König legte seine schlichte Krone auf einem Schränkchen ab und kam dazu.
Das Paar saß uns gegenüber, beide lächelten zufrieden. „Ich mag Eure Idee wirklich, Daril. Die Clans nach all der Zeit zusammenzubringen ist ein ehrenhaftes Unterfangen. Nur bin ich mir nicht sicher, ob es gelingen wird.“, eröffnete Garon das Gespräch, dann aß er von den kleinen Kräuterwickeln, die er aufgetischt hatte. Seine Verlobte meinte: „Esst und denkt in Ruhe nach.“ Ich probierte eines der grünen Röllchen, das würzig duftete. Gedünstete Ampferblätter mit einer herzhaften Pilzfüllung, stellte ich überrascht fest. Der Geschmack brachte Erinnerungen vom Beginn meiner Reise zurück, wo ich auf Hyrasha und den Krakonoš getroffen war. Ein Lächeln legte sich auf mein Gesicht und ich war mir so sicher wie nie zuvor, dass mir das Vorhaben gelingen würde. „Eines Tages werden wir uns in Takal Dûm gegenüberstehen, König Garon.“, sagte ich bedächtig und aus voller Überzeugung. Er nickte und meinte: „Das glaube ich Euch, Bewahrer. Ich habe Eure Gefährten gehört und gesehen, wie sie auftreten. Ihr alle habt mich beeindruckt, da ihr aus dem Herzen sprecht. Das zwergische Feuer lodert in jedem von euch.“
Seine Direktheit hatte mich sprachlos gemacht, doch Rybor reagierte. „Diese Gruppe ist einzigartig. Sie leiten einander und ihre Fähigkeiten ergänzen sich in hohem Maße. Das ist für mich neu und ungewohnt, aber ich fühle mich sehr wohl unter ihnen.“, berichtete der Soldat seinem bisherigen Dienstherrn.
Wir aßen langsam die Teller leer und ich blickte bei jedem Bissen auf die Etappen meiner Reise zurück. Rybor half Harsabna beim Abräumen und stellte danach Suppenschüsseln an die Sitzplätze. Die Frau stellte kurz darauf einen großen Topf in die Mitte des Tisches, der Soldat brachte noch einen kleineren, den er daneben platzierte. Es duftete nach dickem Gulasch und gekochten Rüben. Diese Gerüche versetzten mich zurück nach Birnai, in die Küche der Uberts. Wie schafften diese Feuerzwerge es nur, dass diese Gerichte so stark auf mich einwirkten? War das Magie?
Ich sehnte mich förmlich nach dem bevorstehenden Aufbruch. Meine Gedanken trugen mich zu Linnarhan, nach Reinsdorf und auch zurück zur Elbe, während ich versonnen Fleisch, Soße und gelbe Rüben löffelte. Bald hatte ich die Schüssel geleert und erst als ich den Löffel ablegte, spürte ich die Blicke der anderen Anwesenden auf mir ruhen. Sie lächelten amüsiert. Nun schickte Garon sich an, den Tisch freizuräumen. Harsabna kümmerte sich um die Kochstelle, auf die sie eine gusseiserne Pfanne setzte. Darin ließ sie Fett schmelzen, bevor sie etwas festen Honig hineingab. Der süße Duft des Karamellisierens drang zu mir herüber. Die Gelehrte schnitt ein paar Früchte klein, die sie auch in die Pfanne tat und schwenkte das Obst darin. Ihr Verlobter zog ein Blech mit Gebäck aus dem Ofen neben der Kochstelle und stellte auf jeden der vier Teller zwei der kleinen Kuchen. Das heiße, gesüßte Obst richtete Harsabna neben dem Gebäck an. Beide kamen mit zweien der Teller zurück zum Tisch und überreichten Rybor und mir den Nachtisch.
Der Kuchen war schlicht gehalten und entfaltete sich mit den Karamellfrüchten zu einem wahren Genuss. Knusprige Streusel auf einem lockeren Teig. Das Aprikosenkompott schickte mich zurück in meine Kindheit, als ich mit meiner Mutter ihre Familie in der Oberstadt besuchen war. Honig und Obst waren dort, wo ich auch Foret kennengelernt hatte, schon seit der Erschließung des Felsüberhangs typische Nahrung der Ernährergilde gewesen. Tränen der Rührung quollen aus meinen Augen hervor, da ich spürte, wie sehr ich meine Mutter vermisste. Sie hatte die Kochkunst ihrer Sippe an mich weitergeben wollen, doch ich hatte mich mehr an meinem Vater Redin orientiert. Er lehrte mich Fleiß und Naturnähe. Mein praktisch veranlagter Großvater Rujol prägte meinen Sinn für die körperliche Arbeit. Meine Berufung lief auf eine Ausbildung im Druidenzirkel hinaus, wo ich auch meine handwerklichen Fähigkeiten nutzen konnte.
Nur langsam fand ich in die Gegenwart zurück. Die Gelehrte lächelte mich an, als ich Gabel und Löffel auf dem Teller ablegte. Den Kuchen und das Kompott hatte ich restlos aufgegessen. Das Salz meiner Tränen war getrocknet und spannte auf der Haut meiner Wangen. Mit dem Ärmel meines Hemdes rieb ich mir über das Gesicht. „Euer Mahl hatte eine besondere Wirkung auf mich.“, gestand ich mit brüchiger Stimme. Interessiert blickte Garon mich an. „Es hat Erinnerungen ausgelöst. Ich blickte auf mein vergangenes Leben, auf Dinge und Personen, an die ich zum Teil schon sehr lange nicht mehr gedacht hatte. Danke für dieses ausgezeichnete Essen.“, fügte ich an, erhob und verbeugte mich tief.
„Essen verbindet. Zeit, Raum und Personen mit denen wir unsere Mahlzeiten teilen machen unser Sein vollständig. Es erfreut mich sehr, dass wir Euren Geschmack dabei treffen konnten.“, war Harsabnas Antwort auf meinen Dank. Die glühenden Augen Garons musterten mich und er stellte knapp klar: „Ihr werdet uns nach dem Frühstück verlassen. Ich werde mit euch zum Tor gehen. Rybor, wache bitte über diese Zwerge. Ihr Vorhaben ist es Wert, erfolgreich zu sein.“ Der Soldat nickte. „Nur dieser eine Tag genügte mir, dass ich mich ihnen zugehörig fühle. Ich werde meine neuen Gefährten mit meinem Leben schützen.“, bestätigte er pflichtbewusst.
Ein letztes Mal wurde die Tafel abgeräumt. Nur die Trinkbecher blieben stehen. Harsabna stellte zwei große Krüge in die Mitte und setzte sich wieder. „Leichtbier und Met. Bedient euch.“, bot sie uns an.
Nach einem Becher des süßen Honigweins erzählte ich ihnen von meinen Erinnerungen während des Essens. Rybor bestätigte, dass auch ihn eine gewisse Wehmut umfangen hatte. „Ich werde geliebten Zwergen Lebewohl sagen, wenn ich meinen Clan verlasse. Doch die Aussicht, Teil dieser einzigartigen Gruppe sein zu dürfen erfüllt mich mit Freude.“, beschrieb er seinen Zwiespalt.
Als die Müdigkeit sich breit machte, gingen der König und seine Verlobte mit Rybor und mir noch bis zur Balustrade, wo wir einander eine gute Nacht wünschten.
Rybor öffnete so leise wie möglich die Tür der Unterkunft. Alle Gefährten schliefen bereits. Ich schlüpfte in mein Bett und schlief mit den schönsten Gedanken an meine Eheelfin ein.
Das Gemurmel von Stimmen holte mich allmählich aus dem Schlaf. Ich räkelte mich, bevor ich die Beine aus dem Bett schwang, wobei ich spürte, wie meine Gelenke knackten. „Gut geschlafen, Chef?“, fragte Imus gut gelaunt. Khûna wollte wissen: „Sollen wir packen oder bleiben wir doch noch?“ Verschlafen nickte ich kurz und begab mich zur Wasserrinne, wo ich mich erfrischte. „Nach dem Frühstück verlassen wir die Agâr’ursul. Wir packen zusammen und fahren nach Amon Calen.“, gab Rybor bekannt, ehe ich dazu bereit war, mich den Fragen zu stellen. Ich ergänzte nur: „Lasst uns essen gehen und dabei nach Reiseproviant fragen. Der König selbst wird uns aus der Stadt geleiten.“
In Marschformation gingen wir gesammelt zur Mensa. Rognil und Foret führten die Gruppe an. Am Ende der Zweierreihe unterhielt ich mich mit Pelok.
Mir genügten eine Schüssel voll Haferbrei und etwas Obst als erste Mahlzeit des Tages. Dazu nahm ich einen Becher des Kräuteraufgusses, wie man ihn nur bei den Feuerzwergen bekommen konnte. Die leichte Bitternote des Getränks kam von den Blättern der Litharanken, hatte mir Rybors Verwandte am Tresen erklärt. Sie wollte auch den Proviant für unsere Reise organisieren, nachdem der Soldat sie danach gefragt hatte. Als wir soweit fertig mit dem Frühstück waren, kam sie mit kleinen, grobmaschigen Beuteln zu uns, die sie an die Gefährten und mich verteilte. In jedem davon steckte, sorgfältig verpackt, eine Ration für jeden Zwerg. Freudig nahmen wir die Pakete entgegen.
Khûna ließ es sich nicht nehmen und bedankte sich nicht nur bei der Frau, sondern erhob ihre Stimme so weit, dass man sie im gesamten Speisesaal gut verstehen konnte. “Danke, werte Brüder und Schwestern mit dem Feuer der Tiefe in den Herzen, dass wir bei euch verweilen durften. Ihr dient einem gerechten König, soweit wir das beurteilen können. Wir laden jeden dazu ein, ihm nach Takal Dûm zu folgen, sobald wir die Clans dort zusammenrufen. Es war mir eine Freude, unter euch weilen zu dürfen, auch wenn nur die Wut über eure Vorväter uns das Tor zu euren Höhlen geöffnet hatte.”, hielt sie eine kurze Ansprache an die anwesenden Feuerzwerge, dann warf sie den linken ihrer beiden Zöpfe nach hinten und griff ihren Proviantbeutel. Dabei ging ein tiefes, zustimmendes Raunen durch die Mensa, vereinzelt klatschte auch jemand. Das motivierte uns zum Aufbruch. Wir sammelten uns und liefen geordnet zum Hof der Wehrburg, wo Garon, Harsabna und die Berater bereits warteten.
“Gut, ihr seid bereit.”, grüßte der König der Feuerzwerge die Gruppe. Olthek nickte, entgegnete aber: “Sobald wir unser Gepäck geschultert haben, kann es losgehen. Wir sind in Kürze wieder hier, Majestät.” Das Gesagte quittierte Garon mit einem schmalen Lächeln, woraufhin wir ein letztes Mal unsere Unterkunft in der Kaserne aufsuchten. Dort legten wir die letzten Teile der Reisekleidung an und schulterten die Rucksäcke und Ranzen. In voller Montur begaben wir uns zurück auf den Hof. Der Tross setzte sich unvermittelt in Bewegung. Garon gesellte sich an meine Seite und sprach zu mir: “Wir werden das Siegel des Feuertores nicht erneuern. Ihr schickt sicher einen Boten, sobald ihr die Mission zum Abschluss gebracht habt. Er soll nicht an dieser Hürde scheitern, daher werden wir am Eingang zur Halle der Erinnerungen von nun an eine Wache postieren, die ihm Einlass gewähren wird. Welches Zeichen wird er mit sich führen, damit wir ihn als Euren Gesandten erkennen können?” Ich empfand den Herrscher der Feuerzwerge in jenem Moment als ungewohnt redselig, aber es gefiel mir. “Er wird einen magischen Zirkon mit sich führen, der eine Botschaft von mir enthalten wird. Eure Berührung wird ausreichen, um ihn zu aktivieren.”, meinte ich, weil ich diesen Einfall gut fand. Die magisch begabteren Zwerge würden das sicher ermöglichen können.
Bald erreichten wir die Halle, in der die Landmarke der Agâr’ursul stumm in die Höhe ragte. “Schaut euch gern noch an, was die Säule vermitteln möchte.”, schlug Rognil den Beratern vor, die immer noch etwas eingeschnappt wirkten. Harsabna sprach, als sie am verschlossenen Tor einen Hebel zu sich hin zog: “Das Zeugnis des Feuers ist nicht mehr vonnöten, ebne den Weg für alle glühenden Herzen.”, rezitierte sie einen Spruch, der das Tor ohne viel Getöse aufgleiten ließ. Vor uns lag der kleine Vorplatz, auf dem wir erlebt hatten, wie Foret und Khûna mit ihrer Wut den Zugang zu den Feuerhöhlen ermöglicht hatten.
Vor dem Feuertor stellten Garon, Harsabna und die anderen Feuerzwerge sich in einer Reihe auf. “Wir werden auf eure Nachricht warten. Ich wünsche euch Erfolg bei eurem großen Vorhaben.”, verkündete der König. Harsabna wünschte: “Viel Glück auf euren Wegen. Möge der Schmiedevater über euch wachen.” Ich nickte tief, Spinella winkte und Rognil schritt mit seinem Wanderstab bereits auf die Brücke vor uns zu. Mit einem letzten heißen Fauchen glitt hinter meinem Rücken das Tor zu den Agâr’ursul zu.
Ich atmete einmal tief durch, dann setzte ich meinen Stiefel auf die Brücke, die den glühenden Strom verflüssigten Gesteins überspannte. Im Gänsemarsch gingen wir durch die von uns selbst gegrabenen Tunnel, um auf den Hauptweg zu gelangen. Ich entschied mich, den Gedenkgarten ein weiteres Mal zu besuchen, um den Verstorbenen meine Ehre zu erweisen, ehe wir uns zu den zurückgelassenen Loren aufmachten. Zu unser aller Überraschung hatte sich etwas verändert. Am Eingang des Gedenkgartens war eine silbern glänzende Tafel angebracht worden, auf der zu lesen war: “Ein Mahnmal der Wut. Die bedauern die Gewalt an den Verstorbenen. Garon, vierter König.”
Ich hörte Olthek neben mir schwer schlucken, Gimals Zähne mahlten geräuschvoll, Khûna stieß einen leisen Seufzer aus. “Zumindest waren sie hier. Was sie wirklich darüber denken, werden wir wohl nie in Erfahrung bringen.”, kommentierte Rognil die Gedenkschrift.
Wir betraten die Grabstätte, gingen zum zentralen Altar und gedachten der geschundenen Seelen, die mittlerweile hoffentlich in Frieden ruhten. Nach diesem Augenblick der Stille setzten wir unseren Weg fort.
Auch in der Lorenstation hatte sich etwas getan. Das erstarrte Eruptivgestein war vollständig abgetragen worden. Die Steuerkonsole hatten die Feuerzwerge ebenfalls freigelegt und repariert. Innerhalb der wenigen Tage, die wir in den Feuerhöhlen verbracht hatten, ließ Garon die Bahnverbindung wiederherstellen, was er mit keinem Wort erwähnt hatte. Womöglich kam daher sein stetes Lächeln, das er bei den letzten Treffen zeigte. Foret und Olthek prüften, ob alles normal funktionierte und holten die Loren auf die Gleise. Alles klappte tadellos und wir verteilten uns auf die Waggons, die uns zuverlässig in die Grünen Berge brachten. Womöglich hatten wir beim König und seinem Volk etwas Eindruck gemacht. Ich lachte still in mich hinein, als unser Lorenzug in der Bahnstation von Amon Calen einfuhr. Das vertraute Farbspiel von grün und rot schimmernden Ranken wirkte beinahe heimatlich auf mich.
Unter der Erde verlief die Zeit anders als unter der Sonne. Ich verlor jedes Mal mein Zeitgefühl, sobald ich mich längere Zeit in der Zwergenwelt bewegte. Ohne Umwege stiegen wir die Treppe hinauf, wo ich die magisch verschlossene Tür öffnete. Draußen regnete es stark, aber der Weg bis zur Taverne war nicht weit. Deshalb holte ich meinen Regenschutz aus dem Ranzen, zog das geölte Leder über den Kopf und schritt voran.
Das sanfte Rankenlicht brach sich in den dicken Regenfäden, dadurch glitzerte es in den Straßen unwirklich und zauberhaft. Ich beeilte mich dennoch und betrat bald das Wirtshaus. Cyria hielt bei ihrer Arbeit inne, die Becher zu spülen und fragte: “Was kann ich für dich tun bei diesem lausigen Wetter?” Als sie mich erkannte, erschrak sie etwas, aber sofort erhellte ein Lächeln ihr Gesicht. “Daril! Ihr und Eure Gefährten seid zurück. Wie schön! Soll ich Eurer Gemahlin Bescheid geben lassen?”, bot sie in euphorischem Ton an. Ich erwiderte: “Gern. Es ist gut, wieder hier zu sein. Können wir etwas essen, werte Wirtin?” Sie nickte kurz, ging in Richtung Küche und schickte ein Elfenkind los, um Linnarhan die Nachricht über unsere Rückkehr zu überbringen.
Nach mir trudelten meine Kameraden in der Taverne ein, mehr oder weniger vom Wolkenbruch gezeichnet. Cyria begrüßte jeden der Kameraden lächelnd und mit der Frage nach den Wünschen. Bald saßen wir beisammen am größten Tisch des gemütlichen Lokals.
Zu zweit beluden die Wirtinnen den Tisch mit Krügen und Bechern, Tellern und Schüsseln. Genüsslich labten wir uns an der Mahlzeit und lobten die Künste des Kochs und das gute Bier. Auch Rybor schien beeindruckt von dem, was sich ihm hier bot. “Es gefällt mir hier. Doch das Wasser von oben kam unerwartet. Wir sind an der Oberfläche, richtig?”, erzählte der Soldat von seinen ersten Eindrücken. Durch den Eingang kam das Kind wieder herein, das Cyria losgeschickt hatte, hinter ihm erschien eine hochgewachsene Gestalt, gekleidet in einem wasserfesten Umhang. Linnarhan legte das nasse Gewand ab und kam mit leuchtenden Augen auf den Tisch zu. Alle Blicke wandten sich ihr zu, als ich aufsprang und sie umarmte. “Gut, dass du wohlbehalten wieder bei mir bist, mein Zwerg.”, flüsterte sie mir herabgebeugt zu und wir küssten uns kurz, aber liebevoll. “Setzen wir uns.”, schlug ich vor und bot meiner Liebsten einen Stuhl an.
Foret begann über den Weg in die Agâr’ursul zu berichten, als auch Filoscha vom Rat der Vier die Taverne betrat und seinen Redefluss unterbrach: “Diese Stimme kenne ich doch! Ein neues Gesicht sehe ich unter euch. Es freut mich, dass ihr von den Feuerlenkern zurückgekehrt seid.” Der Feuerzwerg schaute die Druidin neugierig an. “Wir nennen uns seit einer Weile ‘Feuerzwerge’. Ich bin Rybor.”, stellte er sich ihr vor. Foret nickte und stieg wieder in seinen Bericht ein, der von den anwesenden Zwergen und Elfen mit Interesse verfolgt wurde. Mit einigen Ergänzungen durch Khûna und Olthek, sowie mehreren Krügen vom frischen Kräuterbier, wurden die Ausführungen abgeschlossen und durch die Umstehenden mit anerkennendem Nicken gewürdigt. Bald darauf verabschiedeten sich alle in die Nachtruhe. Linnarhan bot mir an, in ihrem Haus zu übernachten, meine Gefährten fanden ihr Lager in der Taverne.
Wir genossen die Zweisamkeit und schliefen, bis uns am Morgen das Zwitschern der Vögel sanft weckte. Wo diese Frau auch immer sein sollte, dort war mein Zuhause.
Hand in Hand gingen wir wenig später zur Taverne, um etwas zu essen und um mit den anderen den weiteren Weg zu besprechen.
Gimal saß bereits im Schankraum, in seiner Steingestalt wirkte er wie eine Statue, die ein Künstler am Tisch platziert hatte. Bei der zwergischen Wirtin baten wir am Tresen um Speis und Trank, dann nahmen wir gegenüber des Steinformers Platz.
"Wir werden nach dem Frühstück weiterreisen, um Ubâr Dûm als nächstes Ziel zu erreichen, danach wollen wir Gimals Clan näher kennenlernen.” Nun regte sich der Zwerg und nickte zustimmend. "Der Rat der Steine wird uns bereits erwarten, wenn wir in Bazanu'abban ankommen. Er wird von meinem Alleingang unterrichtet worden sein.", sagte er mit Gewissheit. Ich nickte, um zu zeigen, dass ich ihn verstand.
Linnarhan hielt meine linke Hand, als uns das Frühstück gebracht wurde und drückte sie sanft, bevor sie losließ. Kaum hatten wir den ersten Bissen genommen, drang das Geräusch von Schritten mehrerer Zwerge vom Treppenaufgang herüber. Unsere Freunde setzten sich zu uns an den Tisch, nur Rybor blieb etwas unentschlossen neben mir stehen. “Sie ist deine Ehefrau, nicht wahr? Ich musste in der Nacht lange darüber nachdenken, warum hier Zwerge und Elfen zusammenleben und möchte, dass du mir das erklärst.”, forderte der grauhäutige Soldat mich auf. Darauf nickte ich und wandte mich an die versammelte Gruppe: “Erzählen wir unserem neuen Freund, was es mit Danakh’abad auf sich hat. Khûna, bitte beginne.” Die Einheimische nickte und berichtete von der Geschichte ihrer Heimatstadt, so gut sie es wusste. Über meine Verbindung zu Linnarhan ließ ich Foret die Vorgeschichte erzählen, ehe ich ergänzte: “Wir hatten wohl beide bereits damals in der Enklave der Ersten erste Gefühle füreinander entwickelt. Als wir uns hier wiedersahen, war es für uns beide klar, dass es nicht nur ein flüchtiges Gefühl, sondern wahrhaftige Liebe ist.” Auch Linnarhan selbst wollte noch etwas dazu sagen. “Mir ist es gleich, welchem Volk er angehört. Es ist ihr Wesen, das Personen ausmacht. Daril nimmt seine Aufgabe ernst, aber er vergisst dabei das Leben nicht.”, schloss sie das Thema ab.
Rybor nahm das Erzählte mit einem Grinsen auf und bedankte sich. Die Wirtin kam näher und erkundigte sich nach den Wünschen der Anwesenden. Man kam überein, dass eine gemischte Auswahl an Kleingebäck, Käse und Aufstrichen zum Tisch gebracht werden sollte, dabei ein großer Krug mit belebendem Kräuteraufguss.
Ich labte mich an meinem Frühstück, wie auch Linnarhan und Gimal, während die anderen auf ihre Speisen warteten. Nachdem der Tisch für meine Gefährten gedeckt war und ich aufgegessen hatte, sprach ich zu meiner Liebsten. "Ich möchte, dass du zurück zur Enklave gehst und dort davon berichtest, was in der Zwischenzeit alles geschehen ist. Bitte suche dann nach Hyrasha und begib dich mit ihr zur Eisenbinge. Womöglich kannst du sie mithilfe Iwans ausfindig machen, der in der Ahornzuflucht lebt. Dein Vater sollte wissen, wie man dorthin gelangt."
Sie schaute mich ernst an und sagte: "Das werde ich tun. In der alten Zwergenstadt sehen wir uns wieder. Sobald ihr Amon Calen verlassen habt, werde ich aufbrechen und durch das magische Tor gehen." Flüsternd fügte sie "Ich liebe dich." an und ich umarmte sie.
Ihr Atem wirkte stockend, seufzend schmiegte sie sich an mich und ich hielt sie für einen unendlich scheinenden Moment fest.
Bald darauf sollte der nächste Reiseabschnitt beginnen. Im Licht der Mittagssonne standen wir vor dem Zugang der unterirdischen Bahnanlage, wo wir diesmal die Strecke nach Ubâr Dûm wählten. Das stete grüne und rote Lichtband an der Felswand zeigte uns den Weg. Abermals stiegen wir viele Stufen hinab, die sich durch den dunklen Stein wanden, bis die verstaubte Station vor uns lag.
Auf den metallenen Schienen hatte sich über die Zeit einer Patina gebildet, die ebenfalls rot-grün schimmerte. Vermutlich enthielt die Legierung sowohl Eisen als auch Kupfer. Gimal ließ es sich nicht nehmen, sich um die Bereitstellung der Waggons zu kümmern, die uns in das Herz des europäischen Kontinents bringen sollten.
Es ratterte und schepperte, als die Loren von der Mechanik des Depots auf die Schienen gestellt wurden. Bei einem der Wagen brach beim Aufsetzen eine der beiden Achsen entzwei. Die Kupplung einer anderen Lore zersprang beim Versuch, sie mit einer anderen zu verbinden, einfach in ihre Einzelteile. Olthek sah sich den Schaden kopfschüttelnd an. Er kam aber zu einer Lösung des Problems: "Wir sollten selbst in das Depot gehen und die Waggons prüfen, bevor wir sie auf das Gleis holen. Gimal, weißt du, wo der Zugang ist?" Der Steinformer nickte und zeigte ihm, wie man den Maschinenraum betreten konnte.
Neben den Schienensträngen öffnete sich eine verborgene Tür. In dem Hohlraum befanden sich eine Hebevorrichtung, ein Werktisch und gut fünfzig Loren, die sich in mehr oder weniger gutem Zustand befanden. Pelok und Khûna staunten über die ausgeklügelte Technik, obwohl sie aufgrund ihres Alters nicht mehr zuverlässig funktionierte. Zu viert machten sie sich daran, einen Zug aus brauchbaren Loren zusammenzustellen. Die defekten Waggons holten wir anderen von den Gleisen und Spigna sammelte die verstreuten Kleinteile auf, die sie im Depot auf die Werkbank legte. Drinnen reparierten die technisch versierteren Zwerge einige Loren und stellten diese der Mechanik bereit. Rognil begab sich zur Bedientafel und holte die funktionstüchtigen Loren nach vorn.
Wir beluden die fahrbereiten Wagen und konnten endlich unsere Reise gen Osten beginnen. Quietschend fuhren wir ab, hinein in einen neuen Tunnel. Bedächtig rollte unser Zug voran, da wir den Zustand der Anlage nicht kannten. Aus unseren vorangegangenen Reisen hatten wir einiges gelernt und wollten lieber sicher als schnell das nächste Ziel erreichen. Unsere Vorsicht erwies sich als gerechtfertigt, denn an manchen Stellen lagen Steine im Weg, die sich aus dem umgebenden Fels gelöst hatten. Gelbliche Kristalladern beleuchteten die Strecke über lange Abschnitte, aber auch Pilze und Wurzeln glühten im Halbdunkel in den schönsten Farben. Schwere Felseinbrüche behinderten unsere Fahrt nicht, einzig kleinere Vorkommnisse verlangsamten das Vorankommen zusätzlich. So manches Mal spannten sich Spinnennetze über die Durchgänge, die wir behutsam entfernten. Oder dicke Wurzeln von Bäumen hatten sich durch das Gestein geschoben und die Schienen beschädigt. Gemeinsam konnten wir jedes Hindernis bewältigen und erreichten irgendwann die Bahnstation des Clans der Ernährer. In sattem Grün prangten Runen über dem Schaltpult, die uns in Ubâr Dûm willkommen hießen.
Doch die Höhle wirkte ungepflegt, die Oberflächen zeigten unübersehbare Anzeichen von Verwitterung und auch die Schalttafel des Haltepunkts ließ sich nur mühsam bedienen. Der Ausgang führte durch einen kurzen Gang, der von einem Verschlussstein versperrt war. Es genügte, zwei Hände auf die Steintafel zu legen, um sie hinabgleiten zu lassen. Das Staunen in Peloks Gesicht sprach Bände. “Wo sind wir hier? Ich kenne diesen Teil der Stadt gar nicht.”, gab er verwundert zu. Wir sammelten uns in dem sich anschließenden breiten Gang und sahen uns um. Auch hier hatte die Zeit ihr Werk getan, aber es lagen auch Essensreste herum. Spinella suchte die Wand gegenüber des Tunnels ab, aus dem wir gekommen waren. Sie murmelte vor sich hin, als sie den Stein berührte und lachte leise auf. Dort, wo sie sich die Wand näher angesehen hatte, glommen undeutlich Runen in grünlichem Schein auf. “Großer Saal” war mit einem Pfeil nach links gekennzeichnet. In die andere Richtung sollte es zu den “Höhlenfeldern” gehen. Mit Pelok, der Kristallzwergin und Foret beratschlagte ich mich und wir kamen zu dem Entschluss, den “Großen Saal” aufzusuchen.
Ein feiner, aber unangenehmer Modergeruch stieg in meine Nase, seitdem wir in dem breiten Tunnel standen. Wir gingen weiter und der Gestank nahm allmählich ab. In der Ferne sah ich im hellgrünen Licht bereits die langen Tischreihen des Saales und mir fiel eine breite Wendeltreppe mit flachen Stufen auf. “Pelok, wir sind beim alten Speisesaal. Zum Glück ist alles ruhig und es gibt diesmal bei unserer Ankunft keine Essensschlacht.”, bemerkte Foret mit einem breiten Grinsen. Wir durchquerten noch den verschmutzten Saal, ehe wir unseren Gefährten erklärten, wovon wir gesprochen hatten.








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