Der Satz traf tief. Allen stockte der Atem und bei Spigna sah ich, wie sich ungläubig ihre Augen weiteten. Jeder anwesende Zwerg atmete durch.
Rognil fand zuerst seine Stimme wieder: „Es ist nicht verwunderlich, dass die hohen Herren der Feuerzwerge ungehalten auf eine solche Tatsache reagieren. Man hat uns wie Staatsgäste empfangen. Für sie ist das eine vollkommen neue Situation.“ Seine sachliche Sichtweise rief zustimmendes Nicken hervor. „Wir sollten ihnen zeigen, wie ernst wir unsere Aufgabe nehmen, die Clans zusammenzubringen. Die Feuerzwerge haben es auf keinen Fall leicht, auf uns zuzugehen. Die Abneigung gegen unsere Ahnen werden sie nur schwer überwinden können.“, warf Olthek ein. Erneut machte sich betretenes Schweigen breit.
Ich besann mich einen Moment, schaute in die Runde und legte den anderen meinen Standpunkt dar: „Wir waren es, die in die Stadt der Feuerlenker eingedrungen waren. Ja, wir hatten uns erklärt und unsere Beweggründe offengelegt. Dennoch muss es für die einheimischen Zwerge wie ein harter Schlag vor den Kopf gewesen sein, dass gerade Angehörige von allen anderen Clans so unverblümt vor sie getreten waren.“ Khûna schaute mich festen Blickes an, verzog abschätzend ihren Mund, nickte, als ob sie zu sich selbst gesprochen hätte. Dann sagte sie: „Beim Abendmahl sah es aus, als würdest du um Fassung ringen, werter Bewahrer. Ich habe nicht verstanden, was in dir vorgegangen war, aber es war eindeutig, dass es dir am Tisch nicht behagte, außer es ging um das Essen. Ich muss gestehen, dass auch ich es vorzüglich fand. Diese Lithabeeren sind wirklich echt schmackhaft.“ Damit hatte sie die Starre der restlichen Gruppe gebrochen. Wir setzten uns reihum an den Steinquader, der als Tisch diente. Foret zog eine Flasche aus Steingut hervor. „Gereifter Met aus Takal Dûm. Ich glaube, den brauchen wir jetzt alle.“, sagte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Rognil lachte trocken und meinte: „Gereifter Met? Du meinst sicher Honigschnaps!“ Spinella und Olthek besorgten in Windeseile Trinkbecher für alle und Foret schenkte jedem einen Schluck des edlen Getränks ein.
„Wir werden auch diese missmutigen Feuerzwerge überleben. Garon hatte entschieden, was aufgetischt werden sollte, daran hatten wir keinen Anteil. Bleiben wir bei den Fakten, statt uns wilden Mutmaßungen hinzugeben.“, beschwor Imus die Gefährten.
Mit erhobenen Bechern stießen wir an und tranken den Honigschnaps in einem Zug aus. Schweigend gingen wir zu Bett. Bald hörte ich nur noch ruhiges Atmen und entspanntes Schnarchen, während ich noch meinen eigenen Gedanken nachhing, bis auch mir die Augen zufielen.
Der gleichförmige rote Schein der Lava brachte mein Zeitgefühl durcheinander. Doch als ich erwachte, waren Khûna und Rognil bereits auf den Beinen und saßen sich am Tisch mit ernsten Mienen gegenüber. Auch die anderen Zwerge regten sich langsam.
Bald hatten sich alle am Tisch versammelt, aber Müdigkeit lag noch auf der gesamten Gruppe. Über einen kurzen Morgengruß hinaus gab es keine Gespräche, bis es an der Tür klopfte und Rybor eintrat. „Guten Morgen. In der Mensa gibt es Frühstück. Kommt.“, grüßte der Soldat knapp aber freundlich.
Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Speisesaal und ich ging neben Rybor her. „Der Abend hatte gestern ein recht abruptes Ende genommen, wenn ich das so nennen darf.“, sprach ich den Feuerzwerg beim Gehen ohne Umschweife an. Er räusperte sich, zeigte in der Mensa auf einen Tisch und antwortete mir erst, als wir uns gesetzt hatten.
“Ich kenne Garon, seitdem ich denken kann. Wir sind zusammen aufgewachsen.”, erklärte Rybor und führte seine Überlegungen weiter aus: “Doch ich kann sein Handeln euch betreffend nicht verstehen. Auch ich war irritiert, als er das Essen gestern Abend so einfach beendet hatte. Der König hatte wohl gespürt, wie seine Berater über euch dachten. Ihr seid die Fremden in den Feuerhöhlen und noch dazu die Kinder jener, die unsere Gilde an den Rand der zwergischen Gesellschaft schoben. Wir sind hier zufrieden und leben ohne Sorgen, trotz strenger Regeln.”
Ich nickte langsam, da ich seine Argumente gut verstand.
“Garon möchte, dass du dich uns anschließt. Seine Wahl respektiere ich, so wie du es als einen Befehl deines Herrn ansiehst. Machen wir das Beste aus dieser Situation. Du lässt dich auf uns ein, wir uns auf dich. Verbringe deine Zeit mit uns, damit wir einander besser kennenlernen.”, lud ich den ehemaligen Kommandanten der Feuerzwerge in unsere Gruppe ein.
Ich blieb noch mit Rybor an der steinernen Tafel sitzen, als die anderen sich bei der Essensausgabe einreihten. Noch immer wurden wir von den Soldaten kritisch beäugt, doch mir war, als ob die erste Skepsis der Neugier gewichen war. Mein Gegenüber schaute mich eindringlich an. „Bevor ich gestern hinauf in den Saal gekommen war, hatte ich meine Verpflichtungen an meinen Nachfolger abgegeben. Ein respektabler Zwerg, den ich selbst ausgebildet hatte, bevor ich zum Kommandanten geworden war. Ich stehe dir nun voll zur Verfügung, Daril.“ Ich verzog meinen Mund. Wie von selbst waren Rybor und ich ins vertraute Du übergegangen, dennoch sah er mich als Anführer an. Selbst habe ich mich nie so wahrgenommen und nun ordnete ein Militärkommandant sich mir unter. Mein inneres Ringen blieb wohl nicht unbemerkt.
„Erkläre mir bitte, wie eure Gruppe funktioniert. Ich verstehe nicht so recht, wer welche Funktion bei euch einnimmt.“, forderte Rybor mich offen auf. Ich nickte und beschloss: „Holen wir uns etwas zu essen und sprechen wir darüber mit den Anderen nach dem Frühstück.“
Der Feuerzwerg folgte mir zum Tresen, wo ich die dort arbeitenden Zwerge mit einem Lächeln grüßte. Ich entschied mich für eine Schale voll Haferbrei, dazu eine Portion Lithabeeren und einen Becher heißen Kräutertrunk. Rybor nahm Brot, eine Pilzpaste und Rettich, außerdem schnappte er sich einen Krug, aus dem es süßlich-herb roch. „Kaltgezogene Heidelbeeren mit Minze.“, kommentierte die Zwergin mit der Lederschürze, die ich hier bereits mehrfach bei der Arbeit gesehen hatte, an mich gerichtet. Rybor nickte und sagte: „Danke Thorga. Ab heute gehöre ich zu den Besuchern. Vermutlich werde ich bald mit ihnen fortgehen.“ Das Lächeln der Frau erstarrte plötzlich. Sie zog den beladenen Rybor zu sich heran, umarmte ihn herzlich und schmatzte ihm auf die Wange. „Pass auf dich auf.“, sprach sie leise zu ihm. Mit tränenfeuchten Augen schaute sie ihm nach, als er wieder zum Tisch ging, wo die Gruppe bereits auf uns wartete.
Gemeinsam nahmen wir das erste Mahl des Tages ein. Hier ein Schmatzen, dort ein Klappern der metallenen Löffel, aber niemand sprach, bis alle aufgegessen hatten. „Olthek, kannst du Rybor bitte erklären, was unsere Gruppe ausmacht? Wie stehen wir zueinander? Wer übernimmt welche Aufgaben?“, wandte ich mich an den Erzformer. Er lachte kurz amüsiert, straffte sich und nickte. „Wir haben uns alle aus freiem Entschluss dem Bewahrer angeschlossen, außer Imus. Jeder von uns hat seine eigenen Gründe, aber wir haben verstanden, dass es wichtig ist, sich der eigenen Verantwortung und der Vergangenheit zu stellen. Foret, Rognil und Daril leben das vor. Ich folge nicht, sondern ich fühle mich meinem Volk verpflichtet, Daril zu begleiten. Es ist unser gemeinsamer Weg. Jeder von uns trägt bei, was er oder sie kann. Nicht mehr und nicht weniger.“, legte er seine Sicht offen dar. Imus schloss sich an: „Ich hatte in Sajranzizar einige Fehler begangen und Daril nahm mich auf, damit ich lerne. Es hat funktioniert und ich fühle mich unter diesen respektablen Zwergen sehr wohl. Wir profitieren voneinander, weil wir uns gegenseitig unterstützen. Wir haben die unterschiedlichsten Fähigkeiten, die sich wunderbar ergänzen.“ Der blonde Händler grinste breit bei seinen Worten.
„Ich kann kochen und brauen.“, meinte Foret. Spigna betonte: „Pelok kann das auch, aber seine Stärke liegt darin, jedem Einzelnen, so gut er es kann, unter die Arme zu greifen. Typisch Versorger.“
Ohne sich gegenseitig zu sehr zu schmeicheln, hoben meine Freunde das Können ihrer Gefährten hervor. Rybor zeigte sich erstaunt über die Herzlichkeit untereinander. Mit offenem Mund hörte er sich an, was meine Freunde zu erzählen hatten. „Daril weiß, was er tut und wenn er sich selbst einmal nicht sicher ist, fragt er einfach um Rat.“, sagte Khûna über mich.
Unter vielem Lachen und Kichern räumten wir den Tisch ab und brachten das benutzte Geschirr zum Tresen zurück. Danach verließen wir zu zehnt den Speisesaal und gingen mit Rybor erneut über die geschwungene Brücke mit den Stufen hinauf in die Felsenstadt am Rande der Magmahöhle.
Wir gingen auf der in den Fels gehauenen Straße entlang, die sich auf der linken Seite in geringer Steigung höher wand. Ein Stück rechts des Aufstiegs lag Harsabnas Schreibstube, doch Rybor führte uns davon weg. Die Hammerschläge aus der Schmiede tönten wie Stundenglocken und kündeten von Betriebsamkeit. „Da ihr Interesse an unserer Landwirtschaft bekundet habt, möchte ich euch zeigen, woher wir unsere Nahrung beziehen. Die Höhle mit den Feldern und der Wühlmauszucht liegt nicht weit entfernt, aber wir müssen ein Stück weit hinaufsteigen.“, kündigte der Feuerzwerg an und ging voran.
Der aus dem Stein getriebene Weg zog sich fast halb um die Höhle herum. Ein letzter Blick von oben auf die Wehrfeste machte mir klar, wie riesig die Kaverne doch war. Wir bogen rechts in einen Tunnel ab, wo wir sofort kühle, erdige Luft einatmeten. Gelbes Licht schien uns vom Ende des Ganges entgegen, als würde die Sonne scheinen, was mich nur noch neugieriger auf die Landwirtschaft der Feuerzwerge machte.
Die erleuchtete Höhle war kaum höher als ein Zwerg groß war. An ihrer Decke reihten sich hellgelb scheinende Halbkugeln, die das sonnengleiche Licht erzeugten. Ich musste die Augen zusammenkneifen, weil mich die Helligkeit im ersten Moment blendete. Auch als die Sicht sich klärte, konnte ich das Ende des flachen Hohlraumes nicht erkennen, der sich weit in alle Richtungen erstreckte. Durch den Boden zogen sich gepflasterte Pfade in gleichmäßigem Raster. Zwischen ihnen waren die Felder und Beete angelegt. Hier und dort sah ich aufgeworfene Erde und auch mehrere Zwerge bei der Arbeit.
Überall um mich herum war Leben. Kleine Obstbäume, Sträucher an denen Beeren hingen, Rüben, Getreide und geschäftiges Treiben erzeugten eine angenehme Atmosphäre. Dies war ein erstaunlicher unterirdischer Garten, der mich an den kleinen botanischen Bereich in der Halle des Vermächtnisses denken ließ. Vergleichbar war das nicht, aber der grundlegende Gedanke unbestreitbar. Peloks Verblüffung über die Anlage war ihm anzusehen. Mit geweiteten Augen und offenem Mund sah er sich um, machte aus seiner Überwältigung keinen Hehl. „Anders als zuhause, aber wirklich schön!“, rief er verzückt. Rybor grinste und die Feuerzwerge, die den Versorger gehört hatten, begannen zu lachen. Einer der Feldarbeiter ging auf uns zu. Er winkte kurz und stellte sich vor, als er einige Schritte vor unserer Gruppe stehenblieb. „Ich bin Jofur. Ihr seid also hier, um euch die Gärten anzusehen? Mir kam zu Ohren, dass ihr euch darüber erkundigt habt, woher unsere Nahrung kommt. Schaut euch ruhig um und stellt Fragen, wenn ihr etwas wissen wollt.“, bot der grauhäutige Zwerg an, dessen einfach und schmucklos gehaltener Bart bis zu seinem Gürtel reichte. Jofur nickte, drehte sich um und ging zurück an seine Arbeit.
Rybor führte uns über die Pfade durch den abwechslungsreichen Garten. Ich konnte erkennen, dass auch die Feuerzwerge überwiegend eine symbiotische Feldbestellung anwendeten, wie wir sie auch im Hartfels und in Ubâr Dûm bestaunt hatten. Rüben wuchsen gemeinsam mit Kohlköpfen und Lauch auf einem Feld. Zwischen den Getreidehalmen auf dem nächsten Acker sah ich, wie Erbsenranken sich emporwanden, die gerade weiß, blau und violett blühten. Mir kam es dort mehr wie in einem Park vor, als ein landwirtschaftliches Areal, so schön war alles angelegt worden.
Wir kamen an einer Kreuzung zu stehen. Der Pflanzgrund einer der angrenzenden bewirtschafteten Flächen war von einem groben Geflecht durchzogen, an dem sich dornige Ranken ihren Weg zum Licht suchten. Weiße Blüten und leuchtend gelbe Früchte schmückten das kräftiggrüne Laub. Hier wuchsen die schmackhaften Lithabeeren. Es duftete süß und herb, denn zwischen den kletternden Büschen sprossen Kräuter wie Salbei, Lavendel und Thymian. Auch das Nachbarfeld war mit einem Spalier versehen, das den dort stehenden Hopfen stützte. Nicht nur Pelok war von all dem überwältigt, sondern auch Foret, der schnuppernd seine Nase in alle Richtungen reckte. „Wundervoll!“, seufzte er andächtig, während Rybor zu Jofur winkte, der daraufhin erneut zu uns kam und nickte.
Es war Rognil, der den Landwirt ansprach: „Mich interessiert, wie eure Beleuchtung hier funktioniert. Sind das Magiesteine an der Decke?“ Erneut nickte Jofur. „Aye. Sie wurden mit spezieller Feuermagie verzaubert, um das Sonnenlicht nachzuahmen. Wir haben hier in den Gärten einen Wechsel von Tag und Nacht.“, bestätigte er die Vermutung des Kristallzwergs.
Mit einem Fingerzeig machte Gimal uns auf einen Zwerg aufmerksam, der hinter uns durch die Höhle gerannt kam und das Feld hinter uns halb umrundete, um direkt auf Rybor, Jofur und mich zu treffen. „Kimon, komm erst zu Atem, dann berichte!“, forderte der ehemalige Kommandant den abgekämpften Zwerg auf, der japsend vor uns stand. Als dieser sich beruhigt und einen Schluck aus seinem Trinkschlauch genommen hatte, erklärte er sein Auftauchen: „Der König und seine Berater verlangen die Fremden im großen Saal zu sehen. Ich wurde geschickt, euch zu suchen.“ Mit diesem Satz wurde unser Besuch der Gärten abrupt beendet. Gemeinsam mit dem Boten machten wir uns auf den Rückweg. „Die Berater lagen dem König in den Ohren, dass er ein Treffen mit euch einberuft. Sie wirken sehr unzufrieden.“, erzählte Kimon im Gehen. Meinen Gefährten und mir war sofort klar, worum es gehen könnte.
Der junge Feuerzwerg war redselig. Er trug sein rotgoldenes Haar kurz und auch sein spärlicher Bart war gestutzt. „Niemand in der Wehrfeste wusste, wohin Rybor mit euch gegangen war, also fragte ich mich in der Felsenstadt durch, ob jemand euch gesehen hatte. Man sagte mir, dass ihr an der Schmiede vorbei nach oben gegangen wart. Euch in den Gärten zu suchen, lag daher nahe.“, unterhielt Kimon sich mit Olthek, der wissen wollte, wie der Bote uns finden konnte.
Bald waren wir auf der Stufenbrücke und der Wehrhof lag direkt vor uns.
Kaum dass wir den Thronsaal betreten hatten, schlugen uns die zornigen Blicke der sechs Berater des Königs entgegen. Ich hatte nicht vor, mich zu setzen. Meine Freunde stellten sich neben mir in einer Reihe hinter der Sitzbank auf, den Mächtigen der Feuerzwerge gegenüber. Sie alle schienen ihren Unmut nur schwer zurückhalten zu können, ihre Augen glühten gleich den Kohlen in der Schmiede. Einzig Garon saß auf seinem Platz und blickte ein wenig amüsiert. Ein schmales Lächeln umspielte seine Lippen und er wirkte ruhig. Einer der Herren des Rates drehte sich zu seinem König und begann mit seiner Ansprache. „Eure Majestät, diese Zwerge stellen einen Affront gegenüber unserer Gesellschaft dar! Die Ehren, die ihnen zukommen übersteigen in unseren Augen das gesunde Maß. Ich protestiere auf das Schärfste gegen diese Sonderbehandlung!“, wählte der Zwerg mit der kohlschwarzen Haut bewusst seine Worte. Dabei vermied er es, meine Kameraden und mich anzusehen. Garon sah mich auffordernd an und erteilte mir mit einem Handzeig das Wort. Ich musste über die Worte des Beraters nachdenken, bevor ich etwas dazu entgegnen konnte. „Wir kamen ohne jede Erwartung zu euch. In aller Form bedanken wir uns für die entgegengebrachte Gastfreundschaft, die wir bisher bei euch genießen durften. Wenn euch unsere Gegenwart nicht zusagt, werden wir die Agâr’ursul alsbald verlassen.“, stellte ich ihm in Aussicht. Nun zeigte der König seine Bereitschaft, am Gespräch teilzunehmen: „Halpo, meinst du, ich habe beim Mahl eure Missgunst nicht erkannt? Kurz zuvor hattet ihr alle in die dargebotenen Hände eingeschlagen und den Beginn einer neuen Ära bezeugt. Nur wegen des ausgewählten Essens verliert ihr alle auf einmal eure Standhaftigkeit? Ihr enttäuscht mich.“ Sein Ton war leise, aber schneidend.
Halpo und seine Kollegen schauten betreten zu Boden, dann auf ihren König.
Sie fühlten sich sichtlich unwohl in ihrer Haut. Ein weiterer Berater stand auf und trat hervor. Aus seinem schwarzen Haar schlängelten sich einige dünne Zöpfe, die wie Speerspitzen auf seine Schultern herabfielen. Seine violetten Augen zeigten weniger Mut als zuvor, dennoch brachte er sein Anliegen dem König vor. „Rybor hat sich auf die Seite der Fremden geschlagen. Der Kommandant unserer Soldaten sollte seinen Clan vor solchen Einflüssen beschützen, statt sie zu begünstigen.“, meinte er. Wieder nickte Garon und schaute zu Rybor, der neben mir stand. Sein Blick blieb standhaft und aufmerksam, als der König antwortete: „Rybor ist von seinen Pflichten als Kommandant entbunden. Ich selbst habe ihn den Besuchern zugewiesen. Stellst du mich infrage, Edmin?“ Der angesprochene Zwerg schrak bei der direkten Frage zusammen und stammelte ein unsicheres „Nein, Herr.“, dann setzte er sich wieder.
Betretene Stille machte sich breit, nur das Atmen der Anwesenden war zu hören, bis Garon sich erhob. Seine einladend geöffneten Arme zogen die Aufmerksamkeit auf ihn. „Mir war es wichtig, den Besuchern mit dem größten Respekt zu begegnen. Dass ihr diese Geste falsch verstanden habt, zeugt von wenig Weisheit. Ich befürchte, dass ich bessere Berater benötige, denen die Wichtigkeit der Mission dieser Zwerge klar ist.“, rügte er die Ratsherren. Dann wandte er sich uns zu: „Ihr brachtet unerwartete Abwechslung in unseren Alltag. Ich werde über Vieles nachdenken. Sobald ihr dazu bereit seid, dürft ihr unsere Höhlen wieder verlassen. Bevor ihr geht, möchte ich noch einmal mit Daril und Rybor reden. Wir treffen uns hier zum Abendessen.“ Seine Worte ließen auf beiden Seiten keinen Widerspruch zu. Rybor und ich nickten ihm zu, was er erwiderte. Seine Berater schauten nach seiner Ankündigung erschrocken drein und wirkten verwirrt. „Geht nun und lass mich allein.“, bestimmte Garon. Alle Zwerge verließen den Saal und gingen ihrer Wege.
Gemeinsam begaben wir uns zur Unterkunft, um uns zu erfrischen und das Erlebte zu besprechen.
Pelok wusch sich bereits die Hände an der Wasserrinne, als Gimal in den Raum trat und die Tür zuzog. Am Tisch sitzend hielt Spinella müde ihr Gesicht in den Händen, die Ellenbogen auf die Steinplatte gestützt. Olthek setzte sich neben sie und legte seinen Arm um ihre Hüfte. Auch er wirkte nachdenklich.
Auf dem Bett sitzend hielt Rognil seinen Magierstab in den Händen, mit dessen Spitze er rhythmisch auf den Steinfliesenboden klopfte. „Ein weiser König, dieser Garon. Was er sagte, spricht sehr für ihn.“, raunte Foret, der einen Tonbecher in der linken Hand hielt. „Was machen wir noch bis zum Abend?“, wollte Khûna wissen. Eine Strähne ihres rotblonden, wallenden Haares hing vor ihren Augen. Mit seinen Schultern zuckend nahm Imus Platz und meinte: „Es fühlt sich für mich richtig an, morgen die Agâr’ursul zu verlassen. Wir haben einen weiteren Teil der Aufgabe gemeistert und sollten nun daran arbeiten, die Clans nach Takal Dûm zu rufen.“ Einstimmiges Nicken.
„Planen wir unseren weiteren Weg.“, schlug Gimal vor, dessen polierte Steinhaut im feurigen Zwielicht der Umgebung schimmerte. Ich raffte mich auf und kramte Schreibzeug aus meinen Taschen. Rognil holte gleichzeitig eine Schreibtafel aus seinem Rucksack hervor. „Tragen wir zuerst zusammen, was bereits alles erledigt wurde.“, nahm der Chronist den Vorschlag auf und übernahm die Führung diesbezüglich. „Die Säulen in Amon Calen, Sajranzizar, Ubâr Dûm und hier in den Agâr’ursul wurden von uns aktiviert. Fehlen noch die Landmarken der Steinformer, der Wissenden und der Erzformer, ehe wir zur Stadt der Ahnen aufbrechen können.“, zählte Foret auf. Auf seiner Tafel machte Rognil daraufhin einige Notizen. Der Kristallzwerg schaute zu Gimal und fragte ihn: „Wo befindet sich eure Landmarke?“ Der Steinformer blieb einen Moment lang regungslos stehen. „Am Hauptzugang von Gabil’urdûm hatten meine Ahnen einen Obelisken errichtet. Aber auch in Bazanu’abban gibt es eine Landmarke.“, berichtete er. Rognil stutzte: „Wo liegt dieser Ort? Von ihm habe ich noch nie etwas gehört.“ „Im südlichen Hochgebirge. Ihr müsstet damals nah daran vorbeigekommen sein, als ihr nach Westen gezogen seid. Ich muss zugeben, dass die Siedlung gut versteckt liegt.“, erklärte Gimal.
„Dann gehen wir als Nächstes dorthin. Nachdem wir in Amon Calen einen Halt eingelegt haben. Von dort nehmen wir die Bahn nach Ubâr Dûm. Wenn ich mich recht erinnere, gibt es von hier aus keinen direkten Weg dorthin. Das sollte in der Zukunft aber behoben werden.“, meinte Rognil mit einem Blick auf mich, der nach Bestätigung ersuchte. Ich nickte.
Bis Rybor und ich von einer Wache zu Garon gerufen wurden, verbrachten wir die Zeit mit Reden und Unterhaltung. Khûna zeigte Foret ein Würfelspiel, Rognil las in seinen Aufzeichnungen, Olthek und Spigna schliefen eng umschlungen ein wenig.








Kommentar schreiben